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Wir sind Ninjakämpfer

17. November 2003

Sowjetunion heute: Nicht erinnern, daß man umgezogen ist. Wie die Band Leningrad einmal Berlin besuchte

Und es begab sich eines Donnerstagnachmittags zu Berlin, daß vierzehn russische Männer am Halleschen Tor die U6 Richtung Alt-Tegel betreten. Zwei Halbwüchsige weichen respektvoll beiseite, eine Frau nimmt ihr Kind an die Hand. Selbst in Kreuzberg nimmt man Notiz von Leuten, die lärmen und sich mit ein paar bunten Schaumstoffschwertern balgen, die sie unterwegs in einem Ramschladen aufgetrieben haben. „Wir sind Ninjakämpfer”, grölt Sergej Schnurow, Schnur, auf Russisch. Er ist der Boß und die Schaumstoffschwerter-Gang sind die Ska-, Rock-, Punk-, und-noch-vieles-mehr-Band Leningrad.

Ihre Songtexte sind nicht gerade das, was sonst so aus Rußland als hochkulturell verkauft wird: „Ich habe alles ausgetrunken, Bier, Wodka, Brandy, doch noch immer will ich ficken”. Publikations- und Auftrittsverbote machten die Band legendär, brannten ganze Verse in die Hirne einer Generation. 2002, als ein Veranstalter drohte, den Stecker zu ziehen, falls unschöne Worte auf der Bühne fallen sollten, meinte Schnur zu seinen Zehntausenden Moskauer Fans: „Wir dürfen die Texte zu unseren Songs nicht singen, also tut ihr es!”

Die Zensur war das Sprungbrett in den Erfolg. Leningrad sind Leute, die am liebsten uncool sind. Und natürlich gilt das dann als hip, kann man nichts machen.

In der nächsten U-Bahn Station, der Kochstraße, verlassen die Musiker den Waggon. „Übermüdet und verkatert, wegen des schlechten Konzerts am Tag zuvor in der Fabrik in Hamburg, nehmen sich drei der vierzehn eine Taxe. Der türkische Fahrer wundert sich, wer da bei ihm einsteigt. „Zentrum, Zoo, ‚New Yorker‘. Ok?”, Schnur versucht, das Fahrtziel zu erklären und schiebt noch ein paar unschöne Worte nach, die der Fahrer nicht versteht. Ein eher harmloses Lied der Band, „WWW”, klingelt im Ohr: „Ich kann mich nicht erinnern, daß ich umgezogen bin, wahrscheinlich war ich betrunken, meine Adresse heute ist wwwleningradspbpunktru.”

Im „New Yorker” auf dem Ku’damm angekommen, machen Schnur und seine Kumpanen dann das, was Russen angeblich in Berlin immer tun: sie kaufen regalweise Kleidung ein. „Allein die Tatsache des Kaufens zählt. Das Zeug fliegt sowieso übermorgen weg.” Schnur verläßt den Laden mit drei Jeans, weiß, blau und schwarz. Denis hat derweil einige Kapuzenpullis gebunkert, ohne anzuprobieren. Man trinkt vor dem Geschäft Hefebier aus Flaschen und wartet auf Freunde. Die russische Redaktion von Radio MultiKulti bittet per Handy um ein Live-Interview. Schnur antwortet gekonnt unhöflich auf die Fragen. Werbung in eigener Sache, morgen steigt das Konzert im „HAU Eins”. Die Karten sind ausverkauft. Ex-Theologiestudent Schnurow: „Wir sind die ersten musikalischen Invasoren seit Rachmaninoff im Westen.” Ein Song, nämlich „WWW”, hat es auf Kaminers CD bei „Trikont”, „Russendisko”, ein Mix mit fünfzehn weiteren russischen Bands, geschafft. Spätestens seit dieser Platte ist auch dem weichgespülten deutschen Rußlandpublikum der Name Leningrad ein Begriff.

Einige Meter weiter und wenige Minuten später kehrt man, erneut in Taxibesetzung – Sänger Schnur, Tontechniker Denis und Sewitsch, der für die zweite Stimme und alles mögliche zuständig ist –, im verrauchten und vergilbten Irish Pub unten im Europacenter ein. „Eine Suppe und zwei Kellnerinnen!” Denis ist sichtlich stolz auf seinen Brocken Deutsch. Der Ober übersieht gekonnt die Pullen mitgebrachten Schöfferhofers und die Wodkaflasche auf dem Tisch. Um den Berg von Einkaufstüten müssen die übrigen Gäste einen Bogen machen. Noch vor zehn zieht sich das Trio unerwartet brav ins Hotel zurück, ohne die bestellten Kellnerinnen.

„Ja es gab ein Konzert, bei dem wir nüchtern waren. Das war ein Scheißkonzert”, meint Schnur am nächsten Tag zu einem Journalisten während des Soundchecks. Die zweite Flasche moldawischen Weins kreist herum. In Rußlands Musikkiosken liegen ihre Alben auf Augenhöhe aus, das steigert den Umsatz. Nach Mitteleuropa gekommen, hat man große Ansprüche. So werden die für den Auftrittsabend georderten 30 Flaschen Bier, drei Liter Wodka und zwei Liter Whiskey prompt bereitgestellt. Es darf bloß kein „Scheißkonzert” werden, meinen die Organisatoren.

Abends, es ist 21.00 Uhr, beginnt man im „HAU Eins” nach der Band zu fahnden. Keiner da. Die Zuschauer warten längst auf Leningrad. Vor dem Eingang sammeln sich viele Menschen, zumeist russische Berliner. Kleine Sprechchöre kommen auf. Der neue Intendant des „HAU Eins” erfährt per Handy von Schnur, daß die Band in zwei Minuten da sei. Nach einer Viertelstunde, treffen die Musiker in der Stresemannstraße ein, nur Limon, der Gitarrist, fehlt. Er hatte das Konzert beim Anrauchen im Hotel fast vergessen. Eilig wird er abgeholt und auf die Bühne gestellt.

Es braucht kein ganzes Lied, bis die Menge tobt. „Ich lebe unter Menschen, sie sind schlechte Tiere, ich bin scheiße, und sie sind so cool, ich hasse sie…” Auf der Bühne liefert Schnurow sich erneut ein Schaumstoffschwertduell mit Puso, dem dicken Pauker. Das „HAU Eins” erweist sich jedoch als wackelige Bühne: Während der ersten Pause muß der Bereich vor der Bühne gesperrt werden, der Orchestergraben droht einzustürzen. Mit jedem Konzert, das die Band gibt, wird St. Petersburg wieder mehr zum Leningrad der 1980er Jahre.

Ein Teil der Band zieht nach dem Konzert noch in Kaminers Russendisko in die Torstraße. Schnurow, Denis, Pusow und Sewitsch gehen zurück ins Hotel. Eine frischgebrannte CD geht an Ljoscha, einen Kumpel aus Berlin. Er ist der erste Besitzer des neuen Albums in Deutschland. „Diesmal wird die Platte gleich bei Piraten hergestellt, dann kostet sie 60 anstatt 300 Rubel, und jeder kann sie sich leisten. Die letzten Alben haben sie uns sowieso immer zuvor aus dem Studio geklaut.” Beinahe uncool sind Leningrad ohne PR und mit einem einzigen Musikclip ein Stern geworden, der am russichen Himmel leuchtet.

Erschienen in: Junge Welt

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