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Humboldt in Russland

22. November 2004

Die Universität Kasan begeht ihren 200. Geburtstag

In der Gründung der Universität von Kasan nach deutschem Vorbild vor zweihundert Jahren schlug sich der Bildungsoptimismus nieder, der die Regentschaft Katharinas der Grossen prägte. Heute, dreizehn Jahre nach dem Sturz des sowjetischen Regimes, leidet das Haus unter Geldmangel, Abwanderung und verknöcherten Strukturen.

Zwei Jahrhunderte Lehre und Forschung sind in Europa, wenn man auf Bologna oder Krakau blickt, eine eher unerhebliche Zeitspanne. In Russland hingegen begann vor eben dieser Zeit der Aufbau von fünf Universitäten nach europäischem Muster. Am 17. November 1804 (bzw. 5. November 1804) wurde auf Erlass Alexanders I. in Kasan die erste autonome Universität nach Humboldtschem Vorbild gegründet. Der Bildungsoptimismus unter Katharina der Grossen, der bis in die ersten Jahre der Regentschaft ihres Thronfolgers anhielt, hat neben der Inauguration an der Wolga noch vier weitere Errichtungen oder Neustrukturierungen von bereits bestehenden Universitäten, namentlich in Vilnius, Dorpat, Petersburg und Charkow, ermöglicht.

Autonomie nach deutschem Vorbild

Die russische Wissenschaftsgeschichte reicht selbstverständlich weiter zurück. Bereits im späten 16. Jahrhundert erprobte Boris Godunow Pläne für die Schaffung einer höheren Bildung im Zarenreich und scheiterte kläglich an der Wirklichkeit. Die von ihm zum Studium ins Ausland entsandten jungen Adeligen kehrten zumeist nicht in ihre Heimat zurück. Im Jahre 1755 wurde in Moskau die erste Universität des Landes gegründet, obschon Petersburger Historiker bis heute nachzuweisen versuchen, dass die erste Hochschule in der nördlichen Hauptstadt anzusiedeln sei. Sie berufen sich dabei auf das Datum der Eröffnung der Akademie der Wissenschaften 1724 und sprechen von einer „akademischen” Universität, an deren 275-jähriges Bestehen vor fünf Jahren aufwendig erinnert wurde.

Indes unterschied sich die in Kasan neu gegründete Universität von den älteren beiden Schwestern durch die Autonomie nach deutschem Vorbild. So war der Professorenrat ein unabhängiges Gremium, das selbst Rektoren und Dekane ernennen durfte. Überdies berief man an der Wolga anfangs eine grosse Zahl von Professoren und sogar einen Rektor, den Biologen Karl Fuchs, aus Deutschland. Dem heutigen Ehrenbürger der Stadt wurde unlängst ein Denkmal gewidmet. „Wenn die deutsche Wissenschaft die Mutter ist, so ist die russische ihre Tochter”, bemerkte der russische Historiker Sergei Fedorowitsch Platonow etwa ein Jahrhundert später. Obwohl es in den ersten Dekaden immer wieder zu herben Rückschläge kam, oft aus der Angst heraus resultierend, dass Bildung eine für den Staat gefährliche Sache sei, avancierte die Hochschule zu einem intellektuellen Vorposten im Osten des Zarenreiches, der den interkonfessionellen und interkulturellen Dialog in der Wolga-Ural-Region förderte und nicht zuletzt zum Aufbau zahlreicher Verlage und Schulen beitrug.

Namen wie der Wladimir Iljitsch Uljanow- Lenins, der als Siebzehnjähriger für ein Jahr an der juristischen Fakultät immatrikuliert war, oder wie der Nikolai Iwanowitsch Lobatschewskis, der in den Jahren 1816 bis 1856 als Professor in Kasan lehrte und die nichteuklidische Geometrie begründete, machten die Universität auch über die Grenzen des Zarenreichs, später die Sowjetunion hinaus bekannt.

Heute zählt die Uljanow-Lenin-Universität zu den grössten und angesehensten Hochschulen des Landes. Mehr als 16 000 Studenten lernen an 17 Fakultäten, von denen sich insbesondere die naturwissenschaftlichen einen Namen gemacht haben. So wurde nach dem Ende der Sowjetunion 1991 in Kasan die landesweit erste Ökologische Abteilung eingerichtet. Das 2003 gegründete Butlerow-Institut für Chemie „steht im gesamtrussischen Vergleich an erster Stelle”, sagt Mjaksjum Chalimullowitsch Sachalow. Vor zwei Jahren wurde der Physiker und Mathematiker zum Rektor ernannt. Sachalow ist damit der erste tatarische Rektor in der Universitätsgeschichte. In den Geisteswissenschaften ist insbesondere die Fakultät für tatarische Philologie und Geschichte bemerkenswert. Sie bildet das weltliche intellektuelle Zentrum der Muslime in Russland, das die Universität heute zu einem wichtigen Mittler zwischen beiden Religionen werden lässt und in Anbetracht der Rezentralisierung Russlands einen intellektuellen Gegenpol zu Moskau darstellt.

Doch nicht nur auf die wissenschaftlichen Leistungen ist man an der Wolga stolz. Das klassizistische Ensemble aus dem 19. Jahrhundert, zu dem unter anderem das Hauptgebäude, das Butlerow- Institut für Chemie, die Sternwarte sowie die tatarische Nationalbibliothek und Akademie der Wissenschaften zählen, ist für das architektonische Stadtbild prägend. Die Russische Föderation und die Republik Tatarstan investieren 509 Millionen Rubel (etwa 17 Millionen Euro) „in die Erhaltung und Entwicklung des historischen und kulturellen Zentrums Kasans”, meint Rektor Sachalow zufrieden. Damit ist freilich nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten für die Rekonstruktion der Stadt gedeckt, die sich auf ihren 1000. Geburtstag im kommenden Jahr vorbereitet. Mit dem Aufbau des Ostflügels des Hauptgebäudes, dessen Realisierung in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts der Russisch-Japanische Krieg verhinderte, konnte immerhin, nach Originalplänen des deutschen Architekten Müffke, die Symmetrie des Hauptgebäudes erstmals vollendet werden.

Noch immer die alten Strukturen

Doch der strahlende Schein, den die leuchtenden Fassaden des Universitätsviertels auf den Besucher dieser Tage machen, trügt. Seit dem Ende der Sowjetunion befindet sich die russische Wissenschaft in einer tiefen Krise. Zwar ermöglichen das Internet und der freie Zugang zu Archiven und Bibliotheken heute eine relativ unabhängige Forschung, die Zeiten des „Büchergefängnisses” (Goschranilischje/Staatsarchiv), in das unangenehme Schriften verbannt wurden, sind passé. Doch was unter dem Stichwort „Gajdarsche Reformen” Moskau in der Wirtschaft ansatzweise gelang, blieb in der Wissenschaft bisher unversucht. Knapp dreizehn Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung Russlands haben sich die Strukturen der Lehr- und Forschungseinrichtungen noch immer kaum gewandelt. Ein grosser Teil der Professoren ist betagt, bisweilen nostalgisch gestimmt und verhindert Innovationen. Sie, aber besonders die Nachwuchswissenschafter leiden unter den miserablen Gehältern und der schlechten Ausstattung. 1996 war die Auszahlung der Löhne komplett gestoppt worden, der Lehrbetrieb ruhte zeitweise. Wer gut ist, geht.

Doch es gibt erste Anzeichen einer Besserung. „In den letzten Jahren hat sich die ökonomische Lage des Landes und mit ihr der Zustand der Wissenschaft wieder stabilisiert”, meint Rektor Sachalow zuversichtlich. Die Hochschulen leben heute auch von nichtstaatlichen Geldgebern. Die amerikanische Soros-Foundation hat beispielsweise Computer und Bücher gestiftet. Der globale wissenschaftliche Austausch integriert die russische Forschung und Lehre zunehmend wieder in die Weltgemeinschaft. So unterhält die Kasaner Universität heute mit etwa vierzig Hochschulen in mehr als zwanzig Staaten Partnerschaften. An der Wolga studieren mehr als zweihundert ausländische Studenten, etwa doppelt so viele entsendet die Hochschule in andere Länder.

Der Austausch mit anderen Staaten ist für die Kasaner Universität und die russische Wissenschaft insgesamt eine grosse Chance. Die Öffnung zeigt, dass auch in ökonomisch schweren Zeiten Reformen möglich und notwendig sind. „Mendelejews und Lomonossows wird es bei uns immer geben”, ist sich der 22-jährige Geschichtsstudent Wjatscheslaw Kulagin sicher. Offen bleibt nur, ob diese Wissenschafter dann in Russland bleiben oder, wie schon zu Zeiten Godunows, emigrieren.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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