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Ein berstender Modellbaukasten

18. Februar 2005

Kasan vor dem Millennium 2005. Stadtbrachen und die Träume der „Neuen Russen“

Durch die Jamarotschnaja-Straße im alten Zentrum von Kasan weht ein Hauch von Welt in die repräsentable Urbanität der südrussischen Provinz: Auf einem Hügel im Osten erhebt sich der strahlend weiß getünchte Kreml aus dem 16. Jahrhundert, teilweise überragt von der Kul-Scharif-Moschee, die noch im Rohbau verharrt, aber demnächst geweiht werden soll. Davor baut sich eine anthrazitfarbene massive Betonkuppel auf – das im Jahr 1976 vollendete Winterquartier für den „Zirkus Kasan“. Ergänzt wird dieses Ensemble durch die Piramida, mit der sich die Tokarews, die prominentesten Architekten dieser Stadt, schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzen wollten. Verkleidet mit Glas und Granit ist die Piramida als Freizeittempel ein Vorgriff auf eine Zukunft der Millionenstadt an der Wolga, die jenseits des Millenniums von 2005 hereinbrechen soll. Hinter der Piramida sind noch einige alte vorzeitliche Geschäftshäuser mit ihren satt dunkelgrünen Fassaden erhalten geblieben – vorerst noch verschont von den Karateschlägen der Modernisierer, die Kasans Baugeschichte nur als traurigen Anachronismus empfinden.

„Was uns hier in dieser Gegend blieb, das ist profaner Eklektizismus im Gespiel der Gezeiten“, meint Anastasia Tschernischowa. Die Architekturstudentin schaut sich um: „1998 wurden im Bezirk an der Jamarotschnaja Uliza die Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert abgerissen, mehrere Dutzend, sie hatten nicht mehr als drei Stockwerke und waren die Zierde dieses Viertels.“ Die Flurbereinigung hat eine gewaltige Brache hinterlassen, ein Mahnmal der Leere, denn dem Abriss der Häuser folgte der Exodus der Menschen – heute lebt so gut wie niemand mehr an der Jamarotschnaja.

Derartige von Kulturgeschichte entsorgte Areale sind keine Seltenheit für Kasan. Die Swerdlowa Uliza samt Nebenstraßen beispielsweise lässt sich nur noch auf alten Stadtplänen finden. Heute führen die Tram-Gleise in dieser Gegend kilometerweit durch eine trostlose Stadtsteppe. Allenthalben schaffen Abrissbirnen und Bagger Raum für den Umbau einer Metropole, die ihrem tausendjährigen Gründungsjubiläum entgegen fiebert. Unter dem Label Transformation findet der Umzug einer renommierten Handels- und Universitätsstadt vom 19. ins das 21. Jahrhundert statt. Zu Zeiten der Sowjetunion verharrte Kasan in seiner Vergangenheit, neue Quartiere wuchsen allein an der Peripherie – der Stadtkern blieb unbehelligt, abgesehen vielleicht vom konstruktivistisch geratenen „Haus der Presse“ oder vom futuristischen Zirkus mit seiner monströsen Kuppel.

Verlust und Verfall

So bietet die Innenstadt heute nur noch ein anekdotisches Abbild des alten „Quazan“ und bezeugt die im alexandrinischen Sankt Petersburg so verpönte „Asiatschina“, eine expressive Spielart des russischen Jugendstils, verwoben mit einem raffinierten Neoklassizismus in Stein und Holz und unterlegt von der Begegnung zweier Kulturen: der tatarischen und der russischen. Nur hier, am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga, lassen sich Fassaden mit tatarischen Ornamenten, den verspielten Andeutungen von Aster und Tulpe verschmolzen mit dem „neorussischen Stil“ noch finden. Selten erscheinen in Südrussland Stuckaturen so formvollendet und widersprüchlich.

Bisher gibt es keinen Masterplan, sondern nur eine Art Strategiepapier, das die Metamorphosen Kasans bis 2015 oder 2020 andeutet. „Die Mission unserer Stadt bleibt darin vollkommen offen“, ärgert sich Wladimir Gritzkich, Mitglied der Städtischen Planungskommission, „dabei weiß jeder, dass diese Mission nur in der Funktion bestehen kann, im Zentrum Russlands das Tor des Ostens zu sein.“ Gerade deshalb sei es wichtig, so etwas wie historische Identität auch im Stadtbild zu wahren. Ungeachtet dessen grassieren in Kasan Abbruch und Verfall. Gritzkich hat sicher Recht, ohne einen Generalplan ist die Zukunft der noch verbliebenen alten Quartiere höchst ungewiss und immer davon bedroht, unter die Walze einer ungestümen Modernisierung zu geraten.

Anastasia Tschernischow, die Architekturstudentin, plädiert für einen Mittelweg: „Es ist angenehm, eine Straße aus dem 18. Jahrhundert zu überqueren und dann auf ein postmodernes Gebäude wie die Piramida zu stoßen .. Man sollte sich wirklich zwei Mal überlegen, ob die überlieferte Architektur unserer Stadt, wo sie noch vorhanden ist, weiter so geschleift werden sollte, wie das in den vergangenen Jahren der Fall war.“

Bürgermeister Kamil Izschakow denkt entschieden anders, auch wenn er in einem Masterplan die „Interessen aller sozialen Gruppen der Region“ zusammenführen möchte. Fragen zum Erhalt der alten Viertel weicht er aus, beteuert aber, dass „punktuell gewiss Mosaiksteine aus der Erbmasse unserer Historie“ gesichert bleiben. Die werden sich fraglos der Sorgfalt von Denkmalschützern erfreuen, aber durch die Isolation im Stadtensemble bestenfalls einen musealen Wert beanspruchen können.

Kasan möchte eben kein kolossales Freilichtmuseum, sondern eine selbstgewisse, wuchtig expandierende Metropole sein. In den Außenbezirken werden weiter spalnye kvataly (Schlafviertel) gebaut, die sich einzig im Namen unterscheiden: Nach Gorki, Asino-1 und Asino-2 werden durch die Stadtverwaltung vorzugsweise jene Familien umquartiert, die bisher ihr Zuhause im Zentrum wussten. Den Betroffenen bleibt keine andere Wahl, den Auflagen, die bei einer Verweigerung des Umzugs drohen – drakonische Brandschutzverordnungen in Holzbauten oder eine teure Sanierung –, können die meisten nicht nachkommen. Die durch den Auszug ihrer Bewohner todgeweihten Häuser des Stadtkerns geraten schnell in einen desolaten Zustand, die Gemäuer sind ohnehin verrottet, nicht selten fehlt der Wasseranschluss, und die Latrinen stehen im Hof. Oft mussten sich in den Altbauten drei Familien eine Wohnung teilen und lebten damit in einer der typischen Kommunalkas. In dieser Hinsicht sorgt der Umzug an den Stadtrand für Abhilfe: Jede Familie erhält ihre eigene Wohnung. „Dieser Anreiz lässt viele nicht lange zögern“, meint Anastasia Tschernischowa, deren Angehörige in Ametjewo wohnen, einer Siedlung kompakter Holzhäuser, die sich in einem breiten Streifen am Ufer der Bulak-Seen entlang ziehen.

Erweckung und Entfesselung

Kasan und das Wolga aufwärts gelegene Nishni Nowgorod gelten nach russischer Lesart als „Schönheiten der Provinz“, deren Goldenes Zeitalter begann, als die Wolga-Städte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Sog einer rastlosen Bautätigkeit gerieten und mit dem Anschluss an das Eisenbahn- und Elektrizitätsnetz den Sprung nach Europa schaffen wollten. Diese Periode der Erweckung und Entfesselung bescherte auch städtebaulich einen Aufschwung, dessen Konsequenzen bis auf den heutigen Tag zu erkennen sind und den Anspruch auf einen auch weiterhin eigenständigen Weg rechtfertigen sollten.

Der Bau-Boom vor dem Kasaner Millennium 2005 aber – er brachte der Stadt immerhin eine Untergrundbahn – erzählt eine andere Geschichte als vor 100 Jahren. Die Architekten sind auf der Flucht vor der Geschichte, sie warten mit Gesichtslosigkeit auf, mit plagiiertem Zierrat wie Türmchen, ornamentierten Säulen, Stahl und Spiegelglas, die sich als Accessoires einer so monogamen wie betonlastigen Instant-Bauweise zu erkennen geben. Wer genau hinsieht, findet mit all dem architektonischen Radau jene Ideenarmut orchestriert, wie sie Russlands „Weg nach Europa“ nicht selten eigen ist. Was als Flamme aufsteigen will, fällt als plumper Stein herunter. Aber wie in Moskau oder Sankt Petersburg gilt auch in Kasan Bauen als Prestigefrage. Die neuen Appartementhäuser, die Bankgebäude oder Geschäftspassagen, die auf den vom Schamottstein der Geschichte geräumten Freiflächen entstehen, werden übertrieben dekoriert, als suche gedankliche Nacktheit nach angemessener Kostümierung. Eine Exkursion durch die von der Erinnerung gefluteten Viertel wirkt wie die Besichtigung eines bis zum Bersten überladenen Modellbaukastens.

An exponierten Orten Kasans schließen die Häuser mit einer für russische Stadtbauten ungewohnten Dachschräge ab. „Aus ihren Gaubenfenstern haben die Bewohner des sechsten Stocks einen freien Blick bis zur Kasanka“, erklärt Anastasia Tschernischowa. Sie verdient für ihr Studium nebenbei einige tausend Rubel pro Monat als Innenarchitektin und erfüllt, wenn gewünscht, die Träume der „Neuen Russen“. „Gauben gelten als modern, weil man sie für westeuropäisch hält. Sie sind für das weite Russland hinter der Wolga eigentlich völlig deplaziert, denn der Energieverlust bei einer solchen Bauweise ist im Winter enorm. Aber wer sie will, der soll Gauben haben …“

Lassen sich Gründe für die offenkundige Fremdbestimmung der Architekten und ihrer Bauherren benennen? Es projektieren nur einige wenige Büros wie das der erwähnten Tokarews, die engste Kontakte zu Bürgermeister Izschakow und den Investoren pflegen. Gesamtrussische oder gar internationale Ausschreibungen gelten als obsolet. Kasan bleibt daher einer gewissen Provinzialität ausgeliefert. Die eigene Geschichte nicht völlig an den Nagel zu hängen wie einen schmutzigen Mantel und Brücken zu bauen ins Gelobte Land – nach Westeuropa und Nordamerika –, das scheint ein kaum zu bewältigender Spagat. Andererseits: Auf der Butlerowa Uliza steht ein weiteres Bauwerk der Tokarews – das Hauptgebäude der Sberbank Tatarstans – und wirkt gar nicht prunksüchtig, sondern schlicht und erhaben. Der Quader ist mit einem zurückhaltenden Beige verputzt, verchromte Säulen rahmen eine herausgestellte Fensterfront.

„Es wird einen russischen Stil der Zukunft geben, aber wie er aussehen könnte und worin wir uns von Westeuropa unterscheiden, das ist offen.“ Anastasia Tschernischowa will zuversichtlich bleiben. „Die Wolga-Städte haben kreative und risikobereite Architekten verdient. Nur so werden Nishni Nowgorod, Saratow und Kasan sich selbst gerecht – als Laboratorien des städtebaulichen Experiments. Erst dann wird man in Westeuropa begreifen, das Russland weiter gedacht werden muss – weiter als bis nach Moskau oder Sankt Petersburg.“

Erschienen in: Freitag

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