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Täter und andere Opfer

1. April 2005

Wegen eines Schulbuchs, das die Gräueltaten von Japans Armee im Zweiten Weltkrieg relativiert, kommt es in China immer wieder zu antijapanischen Demonstrationen. In Harbin, einer Millionenmetropole mit dunkler Vergangenheit, weiß man, warum.

„Seit ich von den verprügelten Landsleuten in anderen Städten Chinas gehört habe, bin ich vorsichtiger geworden“, sagt Taka Gunji (Name vom Autor geändert). „Normalerweise gibt es im Alltag keine Probleme, da ich als Japaner unter Chinesen nicht so sehr auffalle.“ Dennoch ist der 28-jährige Student aus Tokio jüngst selbst in eine unangenehme Situation geraten, als er mit zwei russischen Kommilitoninnen einen Nachtklub im Zentrum der Stadt Harbin, einer Sechs-Millionen-Metropole im Nordosten des Landes, besuchte. Zwei junge Chinesen am Nachbartisch hatten ihn als Japaner erkannt, woraufhin es zum Eklat kam: „Sie standen auf und riefen: ,Ich hasse Japaner!‘“ Den Türstehern des Lokals hat es der Sinologiestudent zu verdanken, dass es bei Worten geblieben ist.

Für Ausländer in China wird die Lage zunehmend mulmig. Die USA mahnen ihre Landsleute in der Volksrepublik zu besonderer Vorsicht. Von den 30.000 Studenten der Heilongjiang-Universität in Harbin kommen etwa 700 aus dem Ausland. Nach den Südkoreanern stellen die Japaner mit 40 Studenten die zweitgrößte Gruppe. Seit es in Peking und anderen Städten Chinas laufend zu antijapanischen Demonstrationen kommt, ist es für sie mit der Beschaulichkeit vorbei. Auch in Harbin protestierten jüngst zweihundert Studenten der Heilongjiang-Universität gegen die japanische Geschichtspolitik. Nach Augenzeugenberichten handelte es sich um keine spontane Kundgebung. Die Teilnehmer seien vorher sorgfältig von der Universitätsleitung ausgewählt worden, heißt es.

Der Auslöser für die Spannungen zwischen Tokio und Peking ist ein neues japanisches Schulbuch, das im Zweiten Weltkrieg an Chinesen verübte Kriegsverbrechen beschönigt. Der Affront wurde ausgerechnet am chinesischen Totengedenktag bekannt. Was folgte, war eine Kampagne der kommunistischen Regierung Chinas, die sich offen gegen einen ständigen Sitz Japans im reformierten UN-Sicherheitsrat aussprach. Gebietsstreitigkeiten im Ostchinesischen Meer und die von der chinesischen Regierung geduldeten Demonstrationen sowie der Boykott japanischer Waren lassen die bilateralen Beziehungen weiter abkühlen.

Ein bisschen kann Gunji den derzeit in China vorherrschenden Zorn gegen sein Land verstehen. So hält er die Anstrengungen des japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi, eine Verbesserung der Beziehungen zu China und zu Südkorea zu erwirken, trotz aller Entschuldigungen für nicht ausreichend. Laut einer Umfrage der japanischen Zeitung Mainichi Shimbun denken 76 Prozent der Japaner wie er. Sie fordern weitere Anstrengungen zur historischen Aussöhnung. Gunji weist jedoch auch darauf hin, dass er viele Vorwürfe Chinas nicht nachvollziehen kann. So sei die Kritik aus Peking an Koizumis Besuchen im Yasukuni-Schrein, an dem auch Kriegsverbrechern gedacht wird, nicht gerechtfertigt: „In Japan sehen wir alle verstorbenen Menschen als gleich an, egal ob sie Sünden begangen haben oder nicht.“

Wang Hong (Name vom Autor geändert) ist einer von vielen chinesischen Studenten, die die Eskalation des Konflikts mit Sorge verfolgen. Unter den japanischen Studenten hat der 23-jährige Romanistikstudent viele Freunde. Gleichwohl ist Wang auf Japans Regierung wütend, „weil sie so leichtsinnig mit den historischen Ereignissen umgeht“. Er erinnert daran, dass Harbin selbst neben Nanjing – wo bei einem Massaker 1937 bis zu 300.000 Menschen den Tod fanden – einer der düstersten Orte japanischer Kriegsverbrechen gewesen sei. Nach der Invasion Japans in der Mandschurei 1931 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 starben in China mehr als 30 Millionen Menschen. In dem knapp zwanzig Kilometer vor Harbin gelegenen Ort Pingfang wurden während der Okkupationszeit in der Forschungsanstalt „Einheit 731“ zur Entwicklung chemischer und biologischer Waffen Krankheitserreger und Giftstoffe von japanischen Wissenschaftlern an Menschen getestet. Mehr als dreitausend Chinesen und mehrere Hundert Russen starben so auf bestialische Weise. Nach Kriegsende gelangten die Forschungsergebnisse in die Hände US-amerikanischer Militärs. Die japanischen Wissenschaftler und Militärs blieben bis heute unbestraft.

Dennoch bleibt Wang Hong den antijapanischen Demonstrationen in Harbin fern. Anders als noch 1989 zu Zeiten der Demokratiebewegung trügen die Proteste heute „zu nationalistische Züge“: „Manche fahren mit einem Toyota zur Demo, viele von denen haben Verwandte in Japan.“ Japan bürgert jährlich rund 50.000 Chinesen ein, weit mehr noch verdingen sich auf japanischen Feldern als Hilfsarbeiter. Wang Hong kann deshalb auch über die Kampfparolen, die per Flugblatt, im Internet oder via SMS verbreitet werden und zur Ächtung japanischer Waren aufrufen, nur lachen: „Ein Großteil der japanischen Produkte in der Volksrepublik wird bei uns hergestellt.“

Sein japanischer Kommilitone Yoshito Kesatoshi (Name vom Autor geändert) sieht die Urheber des Zwists zwischen Peking und Tokio vor allem in der Parteiführung Chinas. „Der Streit um die Lehrbücher ist ein alter Schuh. Chinas Führung will derzeit vor allem von innenpolitischen Problemen ablenken und außerdem mit den Protesten Druck auf andere Staaten ausüben, damit Japan keinen Sitz im UN-Sicherheitsrat erhält“, erklärt der 22-jährige Gaststudent. Von befreundeten Chinesen hat er erfahren, dass zeitgleich mit den organisierten Demonstrationen etwa siebenhundert verarmte Bauern aus der Provinz vor der Stadtverwaltung von Harbin protestiert hätten, „und zwar nicht gegen Japan“. Sie seien von der Polizei eingekesselt und nachhause geschickt worden.

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