Europa – ein gemeinsames Haus?

29. Juli 2005

Der Weltkongress der Osteuropa-Wissenschafter in Berlin

Osteuropa-Wissenschafter aus der ganzen Welt haben sich in Berlin eingefunden, um über die Chancen und Perspektiven der erweiterten Europäischen Union zu diskutieren. Die bedeutendste Zusammenkunft von Forschern dieses Bereichs fand statt in einer Zeit europäischer Zerwürfnisse, die sich auch entlang der Ost-West-Achse auftun.

Obwohl sich das Schwerpunktthema der von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) organisierten Tagung auch an den gegenwärtigen politischen Ereignissen in Europa orientierte, waren viele der mehr als vierhundert Veranstaltungen, aus Disziplinen wie Geschichte, Literatur und Recht, aber auch Pädagogik oder Gender-Forschung, kein vordergründig politisches Forum. Die Panels und Vorträge dienten vornehmlich der Präsentation von Forschungsergebnissen der letzten Jahre – mithin die bedeutendste Bestandsaufnahme auf internationaler Bühne.

Schrittweise Annäherung

Die Genese des alle fünf Jahre abgehaltenen Weltkongresses selbst liest sich wie eine Chronik Europas der letzten drei Jahrzehnte, von Konfrontation und Abschottung hin zu einer weitgehenden Integration. So waren auf dem Gründungskongress 1974 im kanadischen Banff nur Gesandte 4 grosser wissenschaftlicher Verbände westlicher Länder – mittlerweile sind es 21 aus vier Kontinenten – mit dem Ziel angereist, die akademischen Mühen in der „freien Welt” zu koordinieren. Nach Garmisch-Partenkirchen im Jahr 1980 luden die Veranstalter erstmals Wissenschafter aus den Ostblockstaaten ein, erst in letzter Minute erfolgte per Telegramm die Absage aus Moskau, Ostberlin, Prag und anderen sozialistischen Hauptstädten. Immerhin, achtzehn Gelehrte ignorierten den Boykott und bildeten eine verschwindend kleine Gruppe unter den übrigen eineinhalbtausend Forschern. In Washington fünf Jahre später sollte das nicht anders sein. Erst die Wende von 1989 ermöglichte eine hinreichende Verständigung der Osteuropawissenschafter beider Hemisphären. Zum vierten Weltkongress in Harrogate, England, ein Jahr später reisten gut 240 Wissenschafter aus fast allen ehemaligen Ostblockstaaten an, etwa 40 Prozent der Teilnehmer auf dem Berliner Kongress kamen aus Ostmittel- und Osteuropa. Stanislav J. Kirschbaum, Sekretär des International Council for Central and East European Studies, zeigt sich erfreut über die positive Entwicklung des Weltverbandes auf den jüngsten Kongressen in Warschau, Tampere, Finnland, und nun in Berlin: „Ideologische Barrieren trennen seither nicht länger Schulen, Forscher und Gelehrte; neue Ziele tauchten auf.”

Der Lage der deutschen Hauptstadt nahe der polnischen Grenze ist es womöglich geschuldet, dass ein bedeutender Teil der Veranstaltungen den Entwicklungsprozess der um zehn Mitgliedsstaaten erweiterten Europäischen Union thematisierte. Heike Dörrenbacher, Geschäftsführerin der DGO, sieht darin eine zentrale Aufgabe der akademischen Zusammenkunft: „Es zeigt sich, dass die Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in die EU begleitet werden muss. Die mentalen, kulturgeschichtlichen und sonstigen historischen Unterschiede bestehen fort.”

Nicht nur Unter den Linden konferierten die Wissenschafter. Auch im nur eine Zugstunde von der deutschen Hauptstadt entfernten Frankfurt an der Oder leitete Philipp Ther, Juniorprofessor für Polen- und Ukrainestudien der Europa-Universität Viadrina, gewissermassen im Feld ein Panel, auf dem die Folgen der Vertreibung und Neuansiedlung in den Grenzgebieten Mitteleuropas nach dem Zweiten Weltkrieg diskutiert wurden und man auch tagesaktuelle Aspekte ansprach. Ther bemerkt dazu, dass auch ein Jahr nach der Erweiterung der Union es an beiden Ufern der Oder noch immer gegenseitige Unkenntnis gebe. Der Osteuropahistoriker sieht neben der Politik insbesondere auch die Wissenschaft in der Verantwortung, Europa nicht nur in den Metropolen zu einen: „Auf historischer Ebene bin ich der Meinung, dass der deutsche Antipolonismus immer noch nicht grundlegend aufgearbeitet wurde. Man erkennt das an vielen Vorurteilen und Ängsten auch in der Grenzregion.”

Europa der Zwischenräume

Junge Wissenschafter und Studenten der Viadrina übten sich dessen ungeachtet immer wieder gerade im Umgang mit Fragen, für die Zwischenräume des europäischen Kontinents eine wesentliche Komponente der Forschung sind und verfolgen dabei mitunter unorthodoxe Ansätze, die das Motto des Weltkongresses „Europe – Our common home” eher als Gebot denn als Frage zu verstehen scheinen. Mit der Veranstaltungsreihe „Terra Transoderana” beispielsweise – der Name selbst stammt aus dem späten Mittelalter und legt sich nicht auf Neumark oder Lebuser Land (polnisch Ziemia Lubuska) als geographischen Begriff für beide Ufer des Flusses fest – versuchten Nachwuchshistoriker, deutsche und polnische Erinnerungen an die Zeit der Vertreibung ohne gegenseitige Ressentiments anzusprechen, was die Bewohner des Grenzlandes durchaus mit regem Zuschauerinteresse honorierten. Die Gespräche der unter der Schirmherrschaft von Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan stehenden Abende verfolgten das Ziel, die divergierenden polnischen und deutschen Geschichtsbilder, welche die trennende Vergangenheit nicht selten verschweigen, aufzubrechen.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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