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Verbrecherische Versuche am Menschen

14. Januar 2006

Das chinesische Pingfang – Mahnmal und Ikone japanischen Terrors

Während der Befreiung Nordostchinas von den japanischen Besatzern vor sechzig Jahren stiessen Truppen der Roten Armee bei Harbin auf Spuren schlimmster Kriegsverbrechen. Egoismen in Tokio und Peking sorgen heute dafür, dass dieser Ort des Terrors zunehmend zur Projektionsfläche eines zweifelhaften Patriotismus wird.

Das auf den ersten Blick unspektakulär wirkende ehemalige Verwaltungsgebäude an der Hauptstrasse von Pingfang, einem trostlosen, zwanzig Kilometer ausserhalb gelegenen Vorort Harbins, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Heilongjiang, beherbergt eine Ausstellung über eines der schlimmsten Kriegsverbrechen Japans während der knapp fünfzehn Jahre währenden Okkupation. Die wenigen steinernen Überreste des Schreckens, die heute von der provinziellen Idylle aus Wohnblocks und Geschäften gesäumt sind, verharmlosen dieses schlimme Kapitel der chinesisch-japanischen Geschichte.

Doch kaum hat der Besucher die ersten Ausstellungsräume im zweiten Stockwerk über eine düstere Treppe betreten, schlägt dieser Eindruck um. Plötzlich werden dem Gast Erinnerungen an die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Stammlager präsent, denn in dem Dokumentationszentrum wird der Gast ebenso mit Modellen aus Gips und Wachs, an denen sich die Grausamkeiten der Japaner im Detail studieren lassen können, konfrontiert: Sezierungen am lebendigen Leib, Gefrierexperimente oder gestapelte Leichname im Krematorium, untermalt mit Schreien von einem Tonbandgerät.

Gewiss gibt es reichlich Anlass, mit Kritik an derartig radikalen Ausstellungsmethoden zu sparen. Die Kriegsschuld Japans lässt sich ebenso wenig leugnen wie die an diesem Ort verübten Verbrechen. Auch die Wut auf die Bagatellisierung von Kriegsverbrechen durch die Regierung in Tokio scheint nachvollziehbar. Allein das Massaker von Nanjing forderte 1937 bis zu 300 000 Tote, offiziell beziffert China die Zahl seiner Opfer während der Okkupation auf 35 Millionen.

Andererseits wirken die Darstellungen der Gedenkstätte von Pingfang bisweilen aufgesetzt und folgen einer spezifischen Ästhetik, die sich nach Ian Buruma durch „eine seltsame Mischung aus heiligen Gedenkstätten, auf denen das chinesische ‚Martyrium‘ dargestellt wird, und Horrorkabinetten” auszeichnet. Ihre Botschaft transportieren die Museumspädagogen auf Schautafeln mit einer Subtilität, die an plumpe Kriegspropaganda erinnert: Nur eine grosse, gestählte Nation wird das Überleben der chinesischen Rasse, der Tausende Jahre währenden Zivilisation garantieren.

Gedenkstätte und Horrorkabinett

In der Gedenkstätte von Pingfang erfahren wir dennoch Sinnvolles: So lernen wir, dass bereits kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges man in Japan Interesse am Studium einer biologischen Kriegsführung zeigte. Unter der Leitung des Mikrobiologen Ishii Shiroo, Absolvent der medizinischen Fakultät der Kyoto-Universität, der sich nach seinem Examen der Armee anschloss, betraute das medizinische Kolleg der kaiserlichen Truppen alsbald ein Team von vierzig Forschern mit der Entwicklung entsprechender Waffen.

Als die Soldaten des Kaisers Hirohito 1931 zuerst Nordostchina und später weite Landesteile Chinas überrollten, wurde das Zentrum bakteriologischer Untersuchungen in den Norden der Mandschurei verlegt, auch um für eine mögliche Offensive gegen die Sowjetunion gerüstet zu sein. Ishii baute 1933 im Harbiner Stadtteil Nangang ein Labor und in Beiyinhe eine bakteriologische Fabrik auf. Einer Weisung des Kaisers folgend, gründete man 1936 zwei Sondereinheiten, von denen Ishii eine befehligte, die ab 1941 den Namen „Einheit 731” trug. Ihre Aufgabe war es, die chinesische Bevölkerung mit Cholera, Milzbrand, Beulenpest und anderen tödlichen Krankheiten zu infizieren und durch Laborversuche an „lebendem Menschenmaterial” und Giftgaseinsätze im Feld Zivilisten massenhaft zu töten.

Heute gehen Historiker davon aus, dass die „Einheit 731” in Pingfang etwa 3000 Chinesen und einige hundert Russen auf diese Weise ermordete. Einige Wissenschafter sprechen zudem von über 1100 Giftgaseinsätzen in 14 chinesischen Provinzen, bei denen die Vollstrecker selbst 20 000 Opfer zählten; chinesische Historiker sprechen sogar von 300 000 Toten. Mittlerweile sind sechs Feldversuche, die zwischen 1941 und 1944 stattfanden, durch Zeugenaussagen belegt. Indessen gab es keine Überlebenden der Tötungsfabrik in Pingfang; die japanischen Truppen sprengten kurz vor der Niederlage fast vollständig die Anlagen und töteten sämtliche Insassen. Geblieben sind das sandfarbene Bürogebäude und die Grube eines Verbrennungsofens.

Schuld ohne Sühne

Dennoch konnten nicht alle Spuren bis zum Einmarsch der Roten Armee im August 1945 verwischt werden. Unter der halben Million Japaner, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, fanden sich auch Angehörige der „Einheit 731”. Im Dezember 1949 wurden zwölf Ärzte und Militärs der „Einheit 731” im 600 Kilometer nordöstlich gelegenen Chabarowsk vor ein sowjetisches Gericht gestellt. Zehn der Angeklagten verurteilten die Richter zu vergleichsweise milden Freiheitsstrafen von 20 bis 25 Jahren; auf die Todesstrafe wurde verzichtet. Jene, die sich nicht während der Haft das Leben nahmen, schoben die sowjetischen Behörden 1956 klammheimlich nach Japan ab. Das dritte Kriegsverbrechertribunal nach Nürnberg und Tokio, das von den westlichen Siegermächten mit Verweis auf die Stalinschen Schauprozesse der dreissiger Jahre als üble Propaganda abgetan wurde, dauerte nur fünf Tage. Hätten die sowjetischen Behörden westlichen und japanischen Journalisten, so auch von der „New York Times”, die Akkreditierungen nicht verwehrt, wäre der Prozess wahrscheinlich nicht derart in Vergessenheit geraten.

Die leitenden Kommandeure der „Einheit 731” indes gingen straffrei aus. Ein Telegramm des Generals Douglas MacArthur, das die Immunität der Führungsspitze von „731” forderte, um im Gegenzug wichtige Forschungsunterlagen von den kaiserlichen Forschern und Vollstreckern zu erhalten, sorgte in Washingtoner Regierungskreisen zuerst für Aufruhr, verschonte die oberen Militärs und Ärzte schliesslich aber vor dem Tokioter Kriegsverbrechertribunal. Ishii machte so bald nach dem Krieg als Begründer der Blutbank Japans Karriere, die sich im Koreakrieg zu einem riesigen Unternehmen entwickelte und später in Greencross umbenannt wurde.

Erst eine Artikelserie Morimura Seiichis in der kommunistischen Tageszeitung „Akahata” über diese japanischen Kriegsverbrechen durchbrach 1981 den Wall des Schweigens ausserhalb der Volksrepublik. In den achtziger Jahren folgten eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten und Filme, wie die britische Fernsehproduktion „Unit 731 – Did the Emperor know?”. In Kenichi Oguris vielbeachtetem Dokumentarfilm „Japanische Teufel” treten fünfzehn japanische Soldaten auf, die ihre Grausamkeiten eingestehen. Seitdem die Geheimhaltungsdauer der entsprechenden Dokumente in den USA abgelaufen ist, werden die Kriegsverbrechen auch im Westen anerkannt.

Entschädigungsprozesse

Für Schlagzeilen sorgt seit 1997 zudem der Menschenrechtsanwalt Keiichiro Ichinose, der seither vor einem Tokioter Gericht über 200 chinesische Kläger um eine Entschuldigung und eine Entschädigung seitens der japanischen Regierung vertritt. Mehr als zwanzig Zeugenaussagen über die Feldversuche und drei Geständnisse von japanischen Tätern sollen die Obrigkeit des Inselstaates endlich zum Einlenken bewegen. Die Arbeit des mutigen Anwalts gilt mit einer Reihe von Entschädigungsprozessen, in denen es um Zwangsarbeiter japanischer Unternehmen und „Trostfrauen” der japanischen Armee geht, als der bedeutendste Vorstoss, weil die Untaten von Tätern wie Yoshio Shinozuka öffentlich zugegeben werden. Der Erfolg ist dennoch begrenzt.

Immerhin: Anfang September 2002 bestätigte das Tokioter Landgericht erstmals, dass die berüchtigte „Einheit 731” biologische Waffen gegen die chinesische Zivilbevölkerung eingesetzt habe. Gleichzeitig schlossen die Richter Entschädigungszahlungen für die Opfer kategorisch aus und beriefen sich dabei auf den Friedens- und Freundschaftsvertrag von 1978, mit dem alles abgegolten sein solle. Die positiven Ansätze und Initiativen in Japan reichen bis jetzt nicht aus, um ein Einlenken der Regierung zu bewirken. Vielleicht sollte Japan offensiver mit Verbrechen seines Landes umgehen, auch um der fortwährenden politischen Instrumentalisierung der Ereignisse durch die Volksrepublik zu entgehen. China könnte so auch gezwungen werden, endlich der Wahrheit der Abschlachterei des eigenen Volkes ins Auge zu sehen.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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