Eine Stadt der Sieger

13. Januar 2006

China-Russland: Goldgräber-Stimmung in der Glitzer-City Suifenhe

Funkelnde Lichterketten hängen über den andächtigen Kirchgängern, ohne dem ansonsten kahlen Raum die Strenge zu nehmen. Auf einem Keyboard spielt der Geistliche ungerührt sein Gesangbuch-Repertoire herunter, und die etwa 200 Gläubigen, ausnahmslos Chinesen, singen ihm folgsam hinterher. Was wie eine improvisierte Festgesellschaft anmutet, ist der sonntägliche Gottesdienst in der russisch-orthodoxen Gemeinde von Suifenhe. 1715 als erste Mission dieser Art in China gegründet, erlebt sie nach Jahrzehnten des verordnetem Atheismus eine unerwartete Renaissance, die meisten Gläubigen bevölkern mit ihrer gesamten Familie das karge Gotteshaus.

In dieser frühen Morgenstunde könnte Suifenhe eine unspektakulär vor sich hin lebende chinesische Provinzstadt sein, wären da nicht die so wundersame Kirche und die häufigen kyrillischen Aufschriften im Geschäftsviertel. Spätestens gegen Mittag ist es vollends mit der Beschaulichkeit vorbei: Die Russen kommen! Mit Einkaufstaschen bewaffnet und Geld im Portemonnaie.

Suifenhe gilt als Goldgräberstadt des frühen 21. Jahrhunderts. Dank großzügiger Investitionen der Pekinger Zentralregierung sind seit Mitte der neunziger Jahre neue Wohn- und Geschäftshäuser aus Beton und Spiegelglas entstanden, die Einwohnerzahl stieg auf mehr als 250.000. Nur wenige Kilometer sind es bis zur russischen Grenze, Wladiwostok lässt sich mit dem Auto – ohne Wartezeit am Kontrollpunkt – in vier Stunden erreichen.

Der weitläufige Platz im Zentrum wurde vor ein paar Jahren unterirdisch auf zwei Ebenen zu einer gigantischen Markthalle ausgebaut und auf Uniwermag 100 getauft. Es gibt fast ausnahmslos gefälschte Markenware. Eine Verkäuferin lacht, als ihr beim Vorführen einer BOSS-Tasche der Verschluss reißt. Sofort kommt Nachschub aus dem Lager. Für ein Handy mit holpriger russischer Anleitung kassieren die chinesischen Händler 500 Yuan, umgerechnet 50 Euro. Ein paar Hundert solcher Geräte werden pro Monat verkauft, ein traumhaftes Geschäft in der mittlerweile in dieser Hinsicht bedarfsgesättigten Volksrepublik.

Mädchen zum halben Preis

Auch an den Ufern des Amur, 400 Kilometer nordwestlich von Suifenhe, floriert der Handel, obschon Lokalpolitiker im russischen Blagoweschensk seit einem Jahrzehnt den Bau der Brücke über den Grenzstrom erfolgreich zu verhindern wissen. Die eigenen Landsleute fahren dennoch „nach drüben“, im Sommer mit Luftkissenbooten, im Winter per Jeep über den zugefrorenen Strom. Bis zu 30 Tage können sie ohne Visum in der Freihandelszone der chinesischen Nachbarstadt Heihe bleiben. Geschäftsleute, die ihre Läden dort nicht mit einem russischen Werbeschild versehen, müssen mit einer von der Stadtverwaltung verordneten Strafgebühr rechnen – Infrastruktur schaffen, Kunden werben, Geld verdienen, all das kann Russland in Heihe und ringsherum von seinem sozialistischen Nachbarn lernen.

Zurück nach Suifenhe. Auf den ersten Blick scheint das eine Stadt zu sein, die nur Gewinner kennt: Russen reisen an, um chinesische Waren einzukaufen, die es in ihrer Heimat oft nur für den doppelten Preis gibt. Chinesen ziehen her, um ein Geschäft zu eröffnen, weil sie der strömenden Kundschaft mitunter das Doppelte des üblichen Preises abknöpfen können – doch sind die wirklichen Profiteure der vor 15 Jahren erfolgten Grenzöffnung fast ausschließlich auf chinesischer Seite zu finden. Der Ferne Osten oder Yuandong, wie man in China das Grenzgebiet zu Russland nennt, fügte sich beinahe über Nacht wunderbar in das ökonomische Puzzlespiel der Volksrepublik. War der Nachbar als „Großer Bruder Sowjetunion“ in den fünfziger Jahren noch Entwicklungshelfer und Exporteur von know how, muss er sich heute mit der Rolle des Rohstofflieferanten und Absatzmarktes begnügen. Erstmals in den über Jahrhunderte hinweg eher zwiespältigen russisch-chinesischen Beziehungen scheint das Reich der Mitte diese gelassen und überlegen moderieren zu können, ohne dass es dagegen irgendwo nennenswerten Widerstand gäbe. Auch wenn man allenthalben im Verborgenen blühenden Ressentiments begegnet, die vorzugsweise der Erinnerung an den blutigen Grenzkonflikt von 1969 geschuldet sind.

Seit längerem hat zudem der Terminus „Gelbe Gefahr“ in Russland wieder Konjunktur. Ein Begriff aus der Kolonialzeit, seinerzeit erprobt, um in Europa Ressentiments gegen die asiatischen Völker, speziell China, zu schüren. Heute findet russischer Brotneid auf chinesischen Reichtum selbst in akademischen Kreisen Moskaus einen Nährboden: „Jeder Chinese lernt in der Schule, dass Russland mindestens anderthalb Millionen Quadratkilometer chinesischen Territoriums okkupiert hält“, bemerkt der Historiker Vilya Gelbras von der Lomonossow-Universität. „Russlands Verbrechen gegen die chinesische Nation waren und sind ein Bestandteil der geistigen Erziehung vieler Generationen von Peking bis Shanghai. Und das Schlimme ist: Keine russische Regierung hat sich jemals darüber beschwert …“ 

Es wird in Russland viel über diese nicht nur unterschwellig fortlebende Feindschaft oder Rivalität gesprochen, auffallend wenig hingegen über die Wucht des ökonomischen Potenzials, das der Nachbar auf die Waagschale zu werfen vermag – die eigentliche Herausforderung.

Denn bislang rollt der Rubel fast nur auf die chinesische Seite und nicht zurück. Nach einem üppigen Shopping-Tag zieht es viele der russischen Wirtschaftstouristen zum Entspannen in die 16. Etage des Xu Sheng, des größten und vornehmsten Etablissement am Ort, das wie alle anderen Hotels von Suifenhe stets gut ausgelastet bleibt. Das Restaurant im obersten Stockwerk, das sich langsam um die eigene Achse dreht, gibt den Blick auf eine aus allem Poren glitzernde Metropole frei und präsentiert deren Silhouette wie auf einem polierten Silbertablett. Drinnen zeigen derweil blutjunge Balletteusen aus dem nahen Ussurijsk bei russischen Schnulzen viel Bein und Bauch – savoir vivre in Suifenhe, ein Hauch zu frivol und zu vorlaut vielleicht, um die Provinz vergessen zu machen.

Wang Kai, der sich von den Russen Ljoscha nennen lässt, hat zwei alte Schulkameraden aus Harbin ins Amüsierlokal über der Stadt mitgebracht. Vor drei Monaten siedelte der Ingenieur nach Suifenhe über. Er dolmetscht an der Grenze für eine Baufirma aus Shanghai. Der Verdienst sei viel besser als in Harbin, meint er. Und heute Abend wolle man sich mit ein paar russischen Mädchen vergnügen, die es hier zum halben Preis gäbe. Junge Frauen aus Russland seien in Suifenhe sehr begehrt – ein käuflicher Luxus, den man sich leisten könne.

Schäferhund und Bajonett

Am Bahnhof herrscht am nächsten Morgen Katerstimmung. Der üppig verzierte Bau stammt noch aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die Ostchinabahn Moskau mit Wladiwostok verband und quer durch die eintönigen Ebenen der Sojafelder in der Mandschurei fuhr.

Bereits eine halbe Stunde vor Abfahrt sind alle Sitzplätze der Grenzbahn Nr. 402 von Suifenhe nach Pogranitschnyj von Tschelnoki (Kleinhändlern) belegt. An der Durchgangstür bewachen zwei finster aussehende Gestalten den Nachbarwaggon, in dem sich Gepäck bis an die Decke stapelt. Selbst die Toilette bleibt den Passagieren versperrt. Erst hinter dem Gepäckabteil sind die Wagen für Chinesen angehängt – streng voneinander getrennt fährt man über die Grenze. Eine ältere Dame bittet darum, den Platz tauschen zu können. Immerzu blickt sie nervös nach ihren Taschen. Seit sie pensioniert sei, fahre sie einmal pro Woche nach Suifenhe, öfter erlaubten es die Zollvorschriften nicht.

Das chinesische Multi-Entry-Visum für umgerechnet 190 Euro, das unbürokratisch direkt an der Grenze beantragt werden kann, rentiert sich schnell, auch das Geld für Fahrkarte und Grenzgebühr, das von den chinesischen Wächtern kassiert wird, ist dabei einkalkuliert. Die Pensionärin, „früher Lehrerin in Pogranitschnyj“, wie sie sich vorstellt, hat unter anderem fünf Paar Schuhe, natürlich verschiedener Größe und Farbe, erworben. Die Seiten ihres Passes sind voll mit den roten und blauen Stempeln beider Staaten – ein Logbuch ihres Händlerdaseins.

Was als inoffizieller Pendlerverkehr anfangs auf beiden Seiten der Grenze „unzivilisiert“ genannt wurde, unterstützt die Regierung in Peking mit Nachdruck, seit der damalige Premier Zhu Rongji vor Jahren den Begriff des „Volkshandels“ ins Spiel brachte, der es verdiene, gefördert zu werden. Die Folge dieses Zuspruchs sind inzwischen Größenordnungen eines Grenzhandels, die jeglicher Vergleiche mit Europa spotten.

Der Bummelzug steht mehr, als dass er richtig ins Rollen käme. Bis das 20 Kilometer entfernte Pogranitschnyj erreicht ist, vergehen mehr als zwei Stunden. Nur zweimal ist in dieser Zeit Gegenverkehr unterwegs, ein russischer Personenzug und ein langer Güterzug, jeder Waggon beladen mit Holz. „Jelzin ist schuld daran, dass wir unsere Wälder für China abholzen und verkaufen und nicht wie früher unsere Qualitätswaren anbieten“, schimpft die Lehrerin verbittert. Russland führt derzeit allein Öl, Holz und Altmetalle in die chinesische Grenzregion aus. Immerhin wurde im Frühjahr 2005 eine Verschrottungsanlage im Amurskij Krai eingeweiht, ein später, möglicherweise zu später Versuch, den Ausverkauf wertvoller Rohstoffe aufzuhalten und diese selbst zu vermarkten.

Dass nach fünf Tunneln endlich die Grenze passiert ist, wird an alten Bunkeranlagen, einem Metallzaun und dem jungen russischen Soldaten mit Schäferhund und aufgepflanztem Bajonett sichtbar. Vor zwei Wochen sei ein russisches Ehepaar auf den Gleisen illegal nach Russland zurückgekehrt, „die Chinesen“ hätten ihnen die Pässe und ihr Geld gestohlen, wird im Abteil erzählt. „Normalerweise lassen wir hier keine Mücke durch“, beteuert die Rentnerin anerkennend.

Demographische Fakten helfen, diesen Satz zu verstehen, denn auf der russischen Seite der Grenze leben in diesem Gebiet gerade sieben Millionen Menschen, eine Million weniger als noch vor zehn Jahren. Die drei Nordostprovinzen Chinas zählen das Elffache an Bevölkerung. Das Moskauer Innenministerium beziffert die offiziell im Fernen Osten Russlands registrierte chinesische Population derzeit auf 230.000 Personen und dürfte wissen, dass allein die Zahl der illegalen Einwanderer erheblich darüber liegt.

Ende der achtziger Jahre siedelten erstmals arme Bauern aus Chinas Nordosten in statistisch relevanter Zahl nach Russland über – seinerzeit als billige Arbeitsnomaden in der Landwirtschaft und im Bausektor willkommen. Die Stimmung schlug um, als die Immigranten begannen, eigene Firmen zu gründen, Handelsringe aufzubauen und plötzlich als betuchte Unternehmer in Erscheinung zu treten.

Die Ankunft auf dem kleinen Bahnhof von Pogranitschnyj mutet an wie das Ende einer Zeitreise: Auch wenn die Uhren wegen der hier geltenden Zeitzone drei Stunden vorgestellt werden müssen, scheint der Zug rückwärts – in die Vergangenheit – gefahren zu sein. Nichts verspürt der Reisende in Pogranitschnyj von der Goldgräberstimmung des ruhelosen Suifenhe. Die Grenzbeamten tragen keine weißen Handschuhe wie ihre chinesischen Kollegen, auch fehlen die unzähligen Überwachungskameras wie in Suifenhe. Um so mehr gehen hier gründliche Leibesvisiteure zu Werke, die manchen chinesischen Händler von unten bis oben inspizieren. Doch können diese Schikanen wohl nichts von dem aufhalten, was in dieser Gegend geschieht – ein teilweise anarchischer, aber florierender Kleinhandel sichert den täglichen Lebensbedarf der russischen Peripherie. Während Grenzer und Zöllner beflissen ihren Dienst tun, fegt der Wind bunte Einkaufstüten mit chinesischen Schriftzeichen in die dürren Sträucher am Bahnhof. Manche bleiben hängen, andere treibt es weiter, nach Pogranitschnyj hinein.

Erschienen in: Freitag

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