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Eine Stadt des Intellekts

20. Februar 2006

Vom Wandel und von der Zukunft der Universität: eine Reise ins kalifornische Berkeley

Ein halbes Jahrhundert lang erlebten geisteswissenschaftliche Fakultäten in Europa wie den USA eine beispiellose Blüte. Sie emanzipierten sich von blossen Ausbildungsstätten für den akademischen und gymnasialen Betrieb hin zu einer unentbehrlichen Basis des breiten Arbeitsmarktes. Doch seit einigen Jahren stecken sie in einer Sinn- und Rechtfertigungskrise. Wissenschafter wie Studenten suchen nach einer Neuausrichtung.

Bis auf das Free Speech Movement Café erinnert in Berkeley nur wenig an jene aufregende Zeit, als dieser berühmteste Campus der University of California (UC), Teil des Verbundes von zehn Hochschulen, ein Hort des politischen Aktivismus und eine Hippie-Hochburg war. Zu Antikriegsdemonstrationen oder anderen Kundgebungen aller Art verirren sich heute meist nur wenige Studenten. Zehn Meilen von San Francisco, auf dem anderen Ufer der Pazifik-Bucht gelegen, erhebt sich in Berkeley die wohl erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt. Strebsamen Studenten von heute, deren utilitaristisches Ethos vormalige Träumereien abgelöst zu haben scheint, bleibt nur wenig Zeit für politisches Engagement.

Schlag acht verstummt das Geläut des Glockenspiels, das aus dem Sather Tower oder Campanile, wie das venezianisch inspirierte Wahrzeichen der Hochschule auch genannt wird, klingt. Zu dieser Morgenstunde ist der Campus von Studenten bereits übervölkert. Insbesondere die Sprachklassen beginnen schon früh. Chinesisch ist seit einigen Jahren besonders gefragt, doch klingt ebenso Koreanisch, Russisch, Tibetisch und Hebräisch aus den Unterrichtsräumen. Ein unvorstellbarer Luxus der Vielfalt: „Es ist wichtig, ein breites Spektrum an Fremdsprachen anzubieten, auch wenn manche Kurse nur von wenigen Studenten besucht werden”, betont Ralph Hexter, Dekan der Arts and Humanities der Universität in der Studentenzeitung „Daily Californian” nicht ohne Stolz.

Elite ohne Geld

Der studentische Eifer und der akademische Mut in Berkeley scheinen inzwischen wie aus einer anderen, der Neuen Welt. Denn der Nimbus der Ewigkeit und der enormen Vielfalt deutscher Universitäten ist längst verblasst. Doch ebenso trügt der helle Schein amerikanischer Hochschulen: Fragen nach der eigenen Existenzberechtigung und permanente Reformrhetorik sind auch in den USA allgegenwärtig. Und wer die Situation der Geisteswissenschaften und ihre Unterschiede in Amerika und Kontinentaleuropa verstehen will, muss das gesamte System studieren.

Anfang 2006 verkündete Arnold Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, einen – je nach Lesart – populistischen oder ehrgeizigen, 222 Milliarden Dollar schweren Investitionsplan für den bevölkerungsreichsten Gliedstaat: mehr Strassen, mehr Krankenhäuser, mehr Schulen. Diese Investitionen sind dringend nötig, denn die Einwohnerzahl steigt, und jedwede Infrastruktur ist marode. Auch für das fortwährend als Paradebeispiel für deutsche Eliteuniversitäten-Träume zitierte Berkeley ist die zusätzliche finanzielle Hilfe aus Sacramento unerlässlich. Viele Hörsäle wirken düster, und Lehrangebote werden zunehmend rationalisiert – ein Beispiel: Obschon einige wenig frequentierte Kurse, etwa Dänisch oder Tibetisch, weiterhin angeboten werden (da sie Teil des Curriculums sind), müssen andere, populäre Angebote, nämlich Arabisch, Chinesisch oder auch Musik, reduziert beziehungsweise in Online-Kurse à la „Arabic Without Walls” verwandelt werden. Überdies nehmen auch in Berkeley Seminare im Grundstudium angesichts der grossen Studentenzahlen zunehmend den Charakter von Vorlesungen an. „Nach jahrelangen temporären Kürzungen gehen die jetzt beschlossenen permanenten Kürzungen an die Substanz der Lehre”, bedauert der Dekan Ralph Hexter. „Wir sind eine staatliche Institution und gleichzeitig eine Ressource für den Staat – ein spannender Balanceakt.” Da insbesondere in den Geisteswissenschaften und den Sprachen viele Kurse von studentischen Hilfskräften gelehrt werden, sind die stetigen Kürzungen für diese Disziplinen ein besonders herber Schlag.

Zudem stiegen die Studiengebühren in den vergangenen Jahren massiv, seit 1970 reduzierte der Staat seine Zuschüsse auf die Hälfte, gerade ein Drittel des Budgets stammt noch aus dem kalifornischen Haushalt. Der politische Aktivismus und Idealismus der 1960er Jahre ist derweil Kooperationen mit der Industrie gewichen. Immerhin gut 300 Millionen Dollar investierte die freie Wirtschaft 2005 in den Campus, das Gros selbstredend in die Naturwissenschaften. Nun ist hinlänglich bekannt, dass das Budget der Geisteswissenschaften auch in den USA langsamer wächst als in den Naturwissenschaften. Die Fakultät für Geschichte der UC Berkeley erhält den grössten Teil ihres Haushalts weiterhin aus der Staatskasse, nur einige wenige Firmen, Anwaltskanzleien, Stiftungen oder Verlage unterstützen direkt die Fakultät.

Nicht zu unterschätzen sind jedoch die Einnahmen durch das Alumni-Netzwerk, es gibt sogar einen Ehemaligenverein speziell für Historiker. „Am alljährlichen History Day halten wir Professoren Vorträge, und die Absolventen öffnen ihre Portemonnaies”, erklärt Gerald D. Feldman, seit 1970 Professor für deutsche Geschichte an der UC Berkeley. Weitgehend unbekannt ist zudem, dass auch Geisteswissenschaften von Investitionen von Unternehmen in den Naturwissenschaften profitieren. Overhead funding heisst das Zauberwort: Universitäten verlangen Investitionssummen, die bis zu 15 oder 20 Prozent über den tatsächlichen Ausgaben für geplante Projekte liegen, wobei der Zusatzbetrag offiziell für Serviceleistungen eingezogen wird. Doch der Überschuss gelangt meist in den allgemeinen Haushalt der Universität und kommt somit nicht selten den Geisteswissenschaften zugute.

Kluft zwischen Masse und Klasse

Dennoch, in den Vereinigten Staaten werden die Unterschiede in der knowledge economy, zwischen Exzellenz und Masse, immer ungeheuerlicher. Privaten Elitehochschulen gelingt es, durch zunehmende Involvierung der Wirtschaft immer mehr Geld zu akkumulieren. Das Prinzip ist simpel: Namhafte Professoren helfen das Prestige der Einrichtung zu heben und staatliche und private Drittmittel zu werben. Erstklassige Studenten erhalten langfristig durch ihren Erfolg den guten Ruf, finanzielle Zuwendungen der liquiden Alumni helfen der Universität zusätzlich.

Im Gegensatz zu den privaten Elitehochschulen der Ostküste und in Stanford ist Berkeley eine Massenuniversität; privates Engagement und Staatlichkeit müssen sich nicht ausschliessen, wobei Berkeley freilich eher eine Ausnahme darstellt. Mit rund 33 000 Studenten spielt die Hochschule quantitativ in einer Liga mit den drei Berliner Universitäten. Bei der Qualität hingegen gibt es nach wie vor signifikante Unterschiede, denn noch schliesst Masse in Berkeley Klasse nicht aus: Die entscheidenden internationalen Rankings führen die Anstalt immer unter den besten zehn Schulen, weltweit, versteht sich. Das Higher Education Supplement der Londoner „Times” kürte sie sogar zur zweitbesten Hochschule. Der „U. S. News and World Report” hält sie für die beste Staatsuniversität der USA.

Deutsche Vertreter aus Politik und Wissenschaft geben sich auch deshalb in Berkeley die Klinke in die Hand. Ende Januar war eine Delegation des Senats von Berlin – jener Stadt, in der die Lage der Bildungsfinanzierung besonders prekär ist – auf dem Campus. Auch Edmund Stoiber und Edelgard Bulmahn, frühere Ministerin für Bildung und Forschung, informierten sich bereits. „Ich war entsetzt über die Engstirnigkeit und Sorgen der Deutschen”, erklärt Professor Feldman. „Sie interessieren sich ausschliesslich für die Naturwissenschaften.” Doch gerade die Geisteswissenschaften hätten mehr Aufmerksamkeit verdient: In Deutschland wird in diesem Bereich ein Viertel der Studentenschaft von einem Zehntel des Lehrpersonals mit einem Zehntel der Hochschulausgaben unterrichtet.

Tradition der Innovation

Es gab Zeiten, in denen Berkeley eher durch Innovationen auf der Strasse bekannt wurde als durch das gigantische Lawrence Berkeley National Laboratory, das sich auf dem Hügel hinter der Hochschule erhebt. In den 1960er Jahren erlangte die Universität durch den politischen Aktivismus ihrer Studenten, das unerhört erfolgreiche Free Speech Movement, die Sit-ins Weltruhm. Als die Hochschulleitung 1964 das Recht abschaffte, auf dem Campus politisch aktiv zu sein, kam es zum Eklat. Der Polizeiknüppel wurde schnell zum Zeichen von Schwäche und Ohnmacht. Auch in Paris, Berlin und Frankfurt gab es studentisches Aufbegehren. Doch die amerikanischen Universitäten haben die politischen Protestbewegungen jener Zeit besser überlebt als die Lehranstalten in Europa, ist sich John R. Searle, damaliger Dozent in Berkeley, sicher: „Sie haben die Machtfragen besser beantwortet.” Searle war damals eine Schlüsselfigur, da er die Proteste unterstützte und gleichzeitig als Assistent des Kanzlers für studentische Belange zwischen beiden Lagern vermittelte. In Amerika gab es später keine Studenten in Berufungsausschüssen, und den Hochschulen gelang es, sich den Staat vom Leibe zu halten.

Die Hochschulen beider Kontinente sahen sich in den 1960er Jahren nicht nur mit ähnlichen Problemen politischer Natur auf dem Campus konfrontiert. Die Zahl der Immatrikulationen stieg beachtlich, neue Verantwortung durch naturwissenschaftliche Grossprojekte forderte die Universitäten zusätzlich. Auch hier machte Berkeley Schlagzeilen. Clark Kerr, der 2003 verstorbene Präsident der University of California, taufte diese Phase „Shock Wave I“ und nannte sie einen Gewinn für die amerikanischen Universitäten. Dieser Schock verhalf nicht nur den Community-Colleges zur Geburt, sondern es entstanden auch zahlreiche Forschungsuniversitäten überall im Land. Der umstrittene erste Kanzler der UC Berkeley (Studenten trugen T-Shirts mit der Aufschrift: Forward Under Clark Kerr) war selbst eine Ikone der akademischen Welt, da er als Architekt des California Master Plan in den 1960er Jahren den Grundstein für ebendiesen amerikanischen Prototyp, die beste öffentliche Hochschule der Welt, legte. Die Universität brauche multiversity, die Stadt des Intellekts werde „eine Stadt der unbeschränkten Vielfalt”. Die Carnegie Foundation zählt landesweit mittlerweile etwa 125 derartiger Institutionen.

Offen ist, wie die „Shock Wave II”, die Kerr für die Jahre 2000 bis 2030 prophezeite, die akademische Landschaft verändern wird. Kerr prognostizierte radikale Veränderungen unter anderem durch veränderte demographische Realitäten, wie den weiteren Anstieg der Anzahl von Studierenden und Professoren, insbesondere auch aus historisch benachteiligten ethnischen Minderheiten. In Berkeley bilden asiatische Studenten – darunter auch viele Gaststudenten – mit 48 Prozent die mittlerweile grösste Gruppe.

Lernen im Namen der Alma Mater

Eines scheint sicher: Universitäten werden auch weiterhin strukturellen Wandel erleben. Das die Grenzen der Fachrichtungen übergreifende Denken wird immer bedeutsamer, wenngleich Disziplinen weiterhin als interne Organisations- und Orientierungsstrukturen erhalten bleiben. Interdisziplinarität ist nicht nur ein Modewort, sondern tatsächlich ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärken wird. Es ist eine grosse Chance für die Geisteswissenschaften, sich in andere Disziplinen zu integrieren.

Zumindest jene Studenten, die es an eine der exzellenten amerikanischen Hochschulen geschafft haben, werden gefordert. Das gilt auch für die Geisteswissenschaften in Berkeley. Das Graduiertenprogramm für Geschichte mit seinen mehr als 200 Doktoranden beispielsweise zählt zu den besten des Landes. Das Lesepensum der Historiker veranschaulicht den immensen Arbeitsaufwand: Ein Buch nebst Rezension pro Seminar und Woche ist üblich, weiterführende Lektüre nicht berücksichtigt. Abgabefristen werden nicht nach Monaten, sondern auf die Stunde genau vereinbart. Seminararbeiten sind am Ende des Semesters fällig, allein schon weil die Professoren selbst binnen weniger Tage die Manuskripte korrigiert und die Noten in das elektronische Studienbuch der Studenten eingetragen haben müssen, ohne Aufschub und ohne Gnade. Jeder Student kann Fragen stellen, jederzeit. Es gibt Lese- und Schreibkurse für jene, die es während der Schulzeit nicht gelernt haben. Auch aus Eigennutz wird geholfen, denn Studienabbrecher schaden der Beurteilung in den Rankings.

So scheint es kaum verwunderlich, dass Regelstudienzeit tatsächlich Regel ist und nicht Ausnahme bleibt. Eine durchschnittliche Studiendauer von 14 Semestern bei Philosophen und Historikern wäre den amerikanischen Anstalten ohnehin viel zu teuer. Und: Es gibt einen Kanon, der Prüfungen auch in Fächern wie Geschichte wieder vergleichbar werden lässt. Ein Master- Student der Geschichte muss nach drei Jahren eine mündliche Prüfung über ein sehr umfangreiches Lektüreprogramm seines Zweigs ablegen. Erst dann darf mit der eigentlichen Dissertation begonnen werden. Auch die Professoren sind gefordert: Eine umfangreiche Betreuung kostet viel Kraft und Zeit.

Förderlicher Wettbewerb

Weiterhin zeigt Berkeley, dass Wettbewerb durchaus zu Qualität verhilft. Die Güte der Lehre wird ebenso selbstverständlich evaluiert, wie nur die besten Studenten ausgewählt werden. Es gibt keine Anstellung auf Lebenszeit, und einen Stab von Assistenten muss sich jeder Akademiker erst erarbeiten. Ausserdem: Wer schreibt, der bleibt. Nur jener Professor einer Research-University, der sich aktuellen Fragen stellt und seine Kenntnisse dann und wann der Öffentlichkeit mitteilt, hat Chance aufzusteigen. Dieser Zugzwang nützt dem einzelnen Forscher ebenso wie dem gesamten Fach.

David DeVore, Doktorand der alten Geschichte und mediterranen Archäologie in Berkeley, sieht bereits jetzt Überschneidungen, die vor kurzem noch undenkbar waren. „Historiker, die sich mit Griechenland auseinandersetzen, müssen heutzutage beispielsweise Sachverstand in Biologie vorweisen, um bestimmte Phänomene genauer interpretieren zu können.” Letztes Jahr besuchte der 25-jährige Student aus Santa Barbara eine Vorlesung eines neuseeländischen Literaturwissenschafters. Dieser erklärte die Geschichte der Popularität von Homers Odyssee mit evolutionsbiologischen Mustern.

Um seine Zukunft macht sich David DeVore wenig Sorgen. Studenten seines Fachgebiets wird nicht der Hang zu allzu pragmatisch-karrieristischen Ambitionen nachgesagt. Der junge Historiker möchte nach der Promotion gerne weiter im akademischen Bereich arbeiten. Die Geisteswissenschaften als wesentlichen Bestandteil eines marktwirtschaftlichen Wissenschaftsbetriebs sieht DeVore nicht bedroht, vielleicht auch, weil es in Berkeley gelingt, Lehre und Forschung sinnvoll miteinander zu verknüpfen: „Letztes Jahr hatte die Universität immerhin genug Geld, um sechzig Studenten eine archäologische Expedition nach Israel zu finanzieren.” Auch die merkantile Gesellschaft lässt zu einem gewissen Grad Umwege auf der Schnellstrasse zu Bachelor, Master und Promotion zu, obwohl sie sich sicher schwer als Profit in Zahlen verbuchen lassen.

Gewiss, im Golden State ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Glocken des Sather Tower, der den pittoresken Campus überragt, leuchten abends nur matt im Licht der Scheinwerfer. Um sechs Uhr werden sie zum letzten Mal geläutet. Doch der Klang ist klar und von Feierabend weit und breit keine Spur.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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