Tante Frosja lebt nicht mehr

18. April 2007

Tante Frosja lebt nicht mehr Der Untergang der russischen Diaspora im Fernen Osten am Beispiel Harbins

In den zwanziger Jahren war Harbin im Nordosten Chinas eine politische und kulturelle Hochburg des russischen Exils. 200 000 Menschen, überwiegend Russen und Chinesen, lebten damals in Harbin und gaben der Stadt am Songhua-Fluss ein multikulturelles Gepräge. Während die alten Russen abtreten, bevölkern heute wieder – aus ganz anderen Gründen – einige tausend neue Russen die Sechs- Millionen-Metropole.

Efrosinja Andreewna Nikiforowa sitzt auf der Kante ihres Bettes mit einer rauen Wolldecke über den Beinen. Ihre matten Augen sind zu einem schmalen Schlitz zusammengetrocknet. Der Blick ruht auf der Foto ihres Vaters, die gegenüber hoch oben an der braun getünchten Wand hängt. Minutenlang rührt sie sich nicht. Dann redet sie langsam, sucht nach jedem einzelnen Wort. Selten kommt Besuch, sprechen hat sie über die Einsamkeit beinahe verlernt. Ihre Welt ist seit Jahren auf die zwölf Quadratmeter ihres dunklen Zimmers zusammengeschrumpft.

Tante Frosja, wie sie alle in der Stadt nennen, ist die letzte Harbiner Russin. Die Stadt im Nordosten Chinas zählt heute sechs Millionen Einwohner – allesamt Chinesen. Als Frosja 1923 als junges Mädchen mit ihren Eltern ankam, war der Ort eine politische und kulturelle Hochburg des russischen Exils. Die Weissen Armeen, die Intelligenz und Unternehmer flohen nach dem verlorenen Bürgerkrieg vor den herannahenden Bolschewisten in die noch junge Eisenbahn- und Kolonialstadt in der Mandschurei. In der Stadt am Songhua-Fluss lebten seinerzeit gut 200 000 Menschen, überwiegend Russen und Chinesen. Es gab ein Dutzend Konsulate, im Zentrum verkehrte die Elektrische. An das multikulturelle Erbe erinnern heute lediglich noch einige orthodoxe Kirchen wie Stadthäuser im expressiven Jugendstil und Neobarock.

Aus der Zeit vor der Oktoberrevolution

In das winzige Zimmer der Frosja dringt nur wenig Tageslicht. Den Ofen beheizt sie mit Kohle, doch im Winter, wenn in der „Eisstadt”, wie Chinesen Harbin auch nennen, das Thermometer für Wochen unter zwanzig Grad Kälte sinkt, bleibt die Wohnung klamm. Das Plumpsklo steht auf dem Hof. Einmal am Tag kommt ihre Nachbarin und bringt den Nachttopf nach unten, Treppen kann sie nicht mehr steigen. Die Wohnungstür bleibt immer nur angelehnt, das Klopfen an der Tür hört die alte Dame kaum. Ab und zu besucht sie Sun Shuzhi, eine zwanzig Jahre jüngere chinesische Freundin, und bringt ihr lieba, wie die Harbiner Chinesen das russische Graubrot chleb nennen.

Über Tschita, östlich des Baikal, kam Frosja mit ihren Eltern nach Harbin. „Mein Vater war Eisenbahner. Ich wurde 1910 auf einer kleinen Station in Sibirien geboren”, sagt Frosja und senkt den Kopf. „Er starb früh, umgebracht von den Weissen.” Sie blieb mit ihrer Mutter in der Stadt, die über eine komplett russische Infrastruktur mit Schulen, Theatern, Universitäten und Bibliotheken verfügte. Geheiratet hat sie nie. „Ich habe meine paar Brocken Chinesisch inzwischen fast vergessen”, sagt sie in einem Russisch, das eher an Alexander Puschkin als an Wenedikt Jerofejew erinnert. Ihr Russland ist das vor der Oktoberrevolution.

Draussen, hinter den milchigen Fensterscheiben, beginnt eine andere Welt. Die Wohnung der alten Russin liegt nur einige Meter von der edlen Fussgängerzone Harbins entfernt. Dort promenieren die vermögenden Bewohner der Hauptstadt der Provinz Heilongjiang. Russische Touristen nennen die Strasse scherzhaft „Arbat”. Tatsächlich erinnern die europäischen Fassaden und die noblen Geschäfte an die gleichnamige Flaniermeile Moskaus.

1936, nach der Ausbildung auf Mädchengymnasium und Universität, schloss Frosja als Pharmazeutin ab. Später arbeitete sie in einer Krankenhausapotheke, fast fünfzig Jahre. Sie blieb russische Staatsbürgerin. Als im August 1945 die Rote Armee in Harbin einmarschierte, standen viele Exilanten Spalier. Nach dem brutalen Joch der Japaner – die 1931 die Mandschurei okkupiert und Monate später den Marionettenstaat Mandschuko ausgerufen hatten – konnte es nicht viel schlimmer kommen. Doch der sowjetische Geheimdienst begann schon einige Wochen nach dem Einzug mit der Deportation der ersten Exilrussen nach Kasachstan. Zehn Jahre später wies Peking beinahe alle noch verbliebenen Emigranten aus. Tante Frosja floh nicht wie ihre Freunde nach Amerika, Israel oder Australien – sie blieb. Ihre Heimat bereiste sie nur noch einmal: 1960 wollte ihr Bruder sie in die Sowjetunion holen, doch nach einem kurzen Besuch fuhr sie zurück zur Mutter ins maoistische China. Frosja ist ein Kuriosum der Geschichte. Als Russin bezieht sie eine knapp bemessene Rente vom chinesischen Staat.

Das letzte Grab

Es sollte keine leichte Rückkehr nach China sein. Die Kulturrevolution wütete im Nordosten des Landes besonders heftig. „Die Nikolai-Kathedrale wurde von den Roten Garden niedergebrannt, ihre Ikonen wurden vergraben. Wo die Heiligenbilder verscharrt liegen, ist bis heute nicht bekannt”, sagt Efrosinja Andreewna Nikiforowa und blickt auf den kleinen Ikonostas in der dunklen Zimmerecke. „Während der Kulturrevolution hatten einige Glück, andere starben. Einige der verbliebenen Russen konnten sich nicht auf offener Strasse bewegen – da sind dann mitunter Steine geflogen”, sagt sie mit schwacher Stimme. Die chinesischen Arbeitskollegen in der Apotheke Fendou haben Frosja damals gedeckt. Doch einmal kam es zu einem Übergriff, als junge Schüler sie mit Steinen bewarfen und anspuckten.

Frosja zerkrümelt ihr Brot in einem nackten Blechnapf. Sie weiss, dass es einige tausend neue Russen draussen in der Stadt gibt. „Studenten, Händler, Edelprostituierte”, lacht sie. Die hübsche Olga, die einen Chinesen geheiratet hat, kommt ab und zu für einen Moment vorbei. „Die Jungen sind immer auf dem Sprung”, sagt Frosja. Vater Grigori, der letzte russische orthodoxe Pfarrer, starb 2000. „Wladimir Alekseewitsch verliess uns 2002, und letztes Jahr starb Walentina Pawlowna Han”, zählt sie auf. Immer wieder nimmt sie die Hände vors Gesicht. „Mein Gedächtnis will nicht mehr”, entschuldigt sie sich. Frosja weiss, das russische Harbin wird verschwinden, wenn sie geht.

Tante Frosja stirbt an einem klaren Herbsttag 2006. Auf dem russischen Friedhof vor der Stadt steht ihr helles Grabkreuz. Noch riecht es nach frischem Holz. Es wird die letzte Ruhestätte sein, die dort errichtet wurde.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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