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Die lange Reise der Händlerin Surderdene

13. Juni 2007

Staub wirbelt in den blauen Wüstenhimmel, der Mann am Steuer des zerbeulten Kleinbusses fängt an zu fluchen, als sich wieder ein Auto in die Schlange vor ihm drängt, und dann, plötzlich, fährt ein anderer Wagen ihm hinten drauf. Stoßstangen aus Plastik reiben aneinander. Sein Fahrgast dagegen bleibt gelassen. „Die Männer fahren hier immer so“, sagt Surderdene, die hinten im Bus sitzt und unbeirrt die Sim-Karten ihres Handys wechselt und Einreisepapiere ausfüllt. Surderdene ist Händlerin, sie ist die Zustände an der mongolisch-chinesischen Grenze gewohnt. Für die fünf Kilometer Wüstenpiste zwischen den beiden Grenzposten benötigen die Autos einen halben Tag. Surderdene, eine Mongolin mit blonden Haarsträhnen, fährt alle zwei Wochen hinüber nach China. An diesem Tag will sie nach Peking.

Viele Mongolen treiben Handel wie Surderdene, sie pendeln, nehmen Züge und Autos. Ihre Waren findet man dann auf dem Zentralmarkt in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei: Bier aus Südkorea, Gewürzgurken und Schokolinsen aus Deutschland, Dosen-Sprotten aus Lettland, Tütensuppen, Obst und Gemüse aus China.

Der Grenzverkehr zwischen China und der Mongolei boomt. Seit Anfang der 90er Jahre wurden entlang der 4600 Kilometer langen Grenze ein Dutzend Grenzübergänge geöffnet. Tausende Chinesen siedeln und investieren in der Mongolei. China ist der größte Außenhandelspartner des Landes. Ein Großteil des Warenverkehrs läuft über Grenzhändler wie Surderdene, die mit Taschen bepackt zwischen den beiden Ländern pendeln.

Für Surderdene, die sich wie alle Mongolen nur mit ihrem Familiennamen vorstellt, begann die Reise am Bahnhof von Ulan Bator. Mit seinen zwei schmalen Bahnsteigen wirkt der Hauptstadtbahnhof wie ein Haltepunkt in der deutschen Provinz, der Fahrplan zeigt nur ein Dutzend Zugverbindungen an, Züge mit in die Jahre gekommenen Waggons, „VEB Waggonbau Ammendorf“ steht auf den Herstellertafeln geschrieben. Surderdene lehnt sich in das abgenutzte Polster des Schlafwagenabteils. Zwei leere Reisetaschen hat die 32-Jährige unter der Liege verstaut. Der Zug fährt nach Zamyn-Üüd, dem Grenzbahnhof zu China. 15 Stunden dauert die Fahrt.

Grenzhändler wie Surderdene verdienen mehr als Professoren in der Mongolei. Eine Woche ist sie jedes Mal unterwegs. An das rastlose Leben hat die Frau sich längst gewöhnt. „Spannend ist die Fahrt nicht“, sagt Surderdene, doch die Arbeitslosigkeit in der mongolischen Hauptstadt, die bei über 30 Prozent liegt, ließe ihr keine andere Wahl. Neben ihr sitzt Badamsuren, eine Freundin, die ebenfalls als Händlerin nach China unterwegs ist. Sie stammt aus Uliastai im Westen des Landes. Anfang der 1990er Jahre zog sie nach Ulan Bator – wie Hunderttausende andere Mongolen.

Entweder du nimmst dein Leben selbst in die Hand, oder du kommst kaum über die Runden“, sagt Badamsuren. Sie isst in Styropor eingepacktes Fertigessen, das nach kaltem Fett riecht. Das Anglistik-Studium musste sie nach der Hälfte abbrechen, sagt sie, ihr habe das Geld dafür gefehlt. Nun ist sie seit über zehn Jahren nach China unterwegs. Manchmal fährt sie zum Einkauf bis tief in den Süden, nach Guangzhou oder Hongkong.

Mit dem Untergang der Sowjetunion endete auch die kommunistische Ära in der Mongolei. 1992 zogen die letzten Soldaten der Roten Armee ab. Beinahe über Nacht brach die Wirtschaftshilfe Moskaus weg. Die „Sandwich-Lage“ zwischen Russland und China, die starke Abhängigkeit von Fertigerzeugnismporten und Rohstoff-Exporten, bestimmt die Wirtschaft der Mongolei indes bis heute.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr 10 fährt der Zug in Zamyn-Üüd ein. Vor dem Bahnhof riecht es nach Autoabgasen. Dutzende Kleinbusse und Geländewagen warten auf die Reisenden. Surderdene kennt die Preise: 4000 Tögrög kostet die kurze Fahrt über die Grenze, rund vier Euro. Zusammen mit dem Zugticket und dem Nachtbus nach Peking zahlt Surderdene für die Fahrt umgerechnet 33 Euro. Badamsuren, die Freundin, kauert auf einer Tasche. „Die Autos haben keine Sitzbänke, denn auf dem Rückweg sind die Fahrzeuge so voll gepackt, dass die Sitze nur Stauraum wegnehmen würden“, sagt sie.

m mongolischen Zollhaus drängen sich hunderte Händler. Mit lauten Drohungen scheuchen die mongolischen Grenzbeamten die Menschen durch zwei enge Metalldetektoren. Dann müssen alle warten. Um ein Uhr, nach der Mittagspause, öffnen die chinesischen Grenzer den Schlagbaum. In der klinisch reinen Abfertigungshalle der Volksrepublik China herrscht strenge Ordnung. Ein kaum volljähriger Soldat der Volksbefreiungsarmee schubst die wartenden Mongolen zurück in die Schlange, bis diese schnurgerade ist.

Hinter der Passkontrolle empfängt die Volksrepublik Surderdene und Badamsuren mit einem kolossalen Regenbogen aus Blech, ein Portal, das den Grenzbereich überspannt und den Blick auf den schnell wachsenden chinesischen Vorposten Erlian freigibt. „Für mich ist das jedes Mal wie eine Reise in eine andere Welt“, sagt Surderdene, die trotz ihrer regelmäßigen Besuche immer wieder beinahe kindlich über das Wirtschaftswunder Chinas staunt.

Der Asphalt der breiten Boulevards der Stadt riecht noch frisch, die blanken Fassaden der neuen Häuser entlang der Hauptstraßen leuchten hell in der klaren Wüstenluft. In der Gegenrichtung herrscht zu dieser Zeit noch kaum Betrieb. Mongolen auf dem Weg zurück in ihre Heimat kommen erst in den Nachmittagsstunden. Für Chinesen lohnt die Fahrt über die Grenze kaum.

Nachmittags um vier Uhr nehmen die beiden Frauen den Liegebus nach Peking. Surderdene blickt in die Weite der Wüste. Am nächsten Morgen, kurz vor sechs Uhr, nach gut 28 Stunden Fahrt, werden die beiden Nomaden der Neuzeit endlich in Chinas Hauptstadt ankommen. Dann kann ihre Einkaufstour beginnen.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau & Der Tagessiegel

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