Archive for Oktober, 2007

Jenseits des Steppenhügels

26. Oktober 2007

Ein Bericht aus den Grenzstädten Zabajkalsk in Russland und Manzhouli in China

Nicht immer braucht es Ozeane, Bergkämme oder breite Ströme, um Welten voneinander zu trennen. Über die sanften Steppenhügel der russisch-chinesischen Grenze sind es lediglich ein rostiger Zaun und eine rote Linie auf der Landkarte, aber der Unterschied von hüben und drüben zwischen Zabajkalsk und Manzhouli ist radikal. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verläuft hier am Dreiländereck China-Russland-Mongolei eine äusserst scharfe ethnische und kulturelle Trennlinie.

Die offene Landschaft war seit jeher ein Einfallstor – Tataren, Mongolen und Kosaken drangen von hier nach China vor. Heute passieren vor allem Händler diese Pforte. Auf dem Hügel im Steppengras, der den russischen Vorposten Zabajkalsk („Jenseits des Baikal”) von der chinesischen Grenzstadt Manzhouli („In der Mandschurei gelegen”) scheidet, passieren unzählige Menschen in Bussen, Jeeps und Kleinlastwagen täglich die Grenze, seit dort 1998 eine Strasse mit Übergang gebaut worden ist.

Aleksej Michajlowitschs Reisepass ist übersät mit Stempeln der chinesischen und russischen Grenzbehörden. Rote und blaue Tusche tanzen um die Visa und Sichtvermerke: das Logbuch seines Lebens. Seit der Mann aus dem westsibirischen Krasnojarsk vor sieben Jahren damit anfing, an dieser Grenze sein Geld zu verdienen, hat er drei neue Pässe ausgestellt bekommen.

Aleksejs müdes Gesicht wirkt im Neonlicht der Zollhalle noch fahler. Zwei Wochen lang hat er unentwegt mit den russischen Beamten verhandeln müssen, erst jetzt wurden seine chinesischen Traktoren freigegeben. Wenn die zwölf Zugmaschinen morgen auf russischen Eisenbahnwaggons Richtung Westen abgehen, ist Aleksej schon auf dem Weg nach Hause. Die Landmaschinen hat der 41-Jährige in Hailar, drei Zugstunden hinter der Grenze, gekauft. „Inzwischen liefern die Chinesen zuverlässige Qualität und auch der Preis ist konkurrenzlos günstig”, freut sich der studierte Maschinenbauingenieur.

„Das grosse Geld dieser armen Region wird hier verdient”, erklärt Aleksej Michajlowitsch. Wieviel Zoll und Schmiergelder er zahlen musste, um die Fuhre genehmigen zu lassen, hütet er als Geschäftsgeheimnis. Doch unten am Fuss des Hügels ist die Villen-Siedlung der Zöllner – die der Volksmund „Santa Barbara” nennt – der Beweis dafür, dass einige Menschen auf russischer Seite harte Dollar erwirtschaften.

Steppenwind wirbelt Plastictüten durch die kahle Landschaft. Das Hotel „Rossija”, in dem Aleksej ein Zimmer bewohnt, gleicht einer Karawanserei des 21. Jahrhunderts. Die Gäste – allesamt männlich – steigen hier zum Handel mit dem Nachbarland China ab. Auch im „Kristall” und dem von Chinesen bevorzugten „Zolotoj Lotos”, den anderen beiden Herbergen am Ort, mieten sich fast ausschliesslich Händler ein. Die überteuerten Preise und schlechten Standards halten die Gäste von den grauen Absteigen nicht fern, sämtliche Zimmer sind ausgebucht.

Um die 10 000 Einwohner zählt Zabajkalsk seit es 1966 zur Gemeinde erhoben worden ist. Das Brummen der Diesellokomotiven und das Ächzen der Waggons dröhnen durch die staubige Gemeinde. Touristen verirren sich auf ihrer Reise entlang des Grossen Sibirischen Weges nach Peking nur selten hierher. Eine melancholische Stimmung durchdringt die Siedlung. Halbwüchsige und alte Männer hängen an der Flasche, beäugen jeden Fremden. Pünktlich zum Sonnenuntergang lungert der obdachlose Nikolaj auf dem Treppenabsatz vor dem „Rossija” herum. Bisweilen spendieren Hotelgäste dem 52-jährigen Bier und Zigaretten. Der Mann trägt ein schwarzes Olympia-T-Shirt mit dem Aufdruck „Beijing 2008”. Auf Nikolajs linker Hand sind sechs Buchstaben eintätowiert, die nach Verbannung klingen: „Wostok” – „Osten”.

Strukturprobleme, mit denen der Osten Russlands seit dem Untergang der Sowjetunion zu kämpfen hat, manifestieren sich in der Tristesse der Steppensiedlung, die sich kilometerlang an die Bahngleise schmiegt. Lediglich Werbetafeln der Mobilfunkkonzerne und japanische Gebrauchtwagen – das Steuerrad rechts – künden von der neuen Zeit. Die einzige asphaltierte Strasse ist von niedrigen Stein- und Holzhäusern aus der Nachkriegszeit gesäumt. Am Bahnhof verrottet seit der Pleite des Investors ein zehngeschossiger Rohbau. Kühe weiden vor der Regionalverwaltung, eine ockerfarbene Lenin-Büste steht verloren davor. Ein neues Schulgebäude fällt auf. „Die alte Mittelschule ist im Winter abgebrannt, die Provinzregierung hat ausnahmsweise schnell Geld für einen Neubau bereitgestellt”, sagt die Anwohnerin Vera Pawlowna, die einst bei der Eisenbahn arbeitete.

Das Leben der Rentnerin orientiert sich wie das jedes Bewohners an der Grenze. Seit ihrer Pensionierung fährt sie regelmässig nach Manzhouli zum Einkaufen. Das ewige Warten, das Schubsen „der Chinesen” in der Schlange für Gruppenreisende rege sie nicht mehr auf. „Einmal pro Woche, öfter lassen uns die Zöllner nicht nach drüben. Sie befürchten wohl, dass wir sonst gar nichts mehr zu Hause kaufen”, sagt die 69-jährige Frau. Sie hat die ganze Geschichte von Aufbruch und Niedergang miterlebt, ihr eigenes Leben ist ein Spiegelbild der Höhen und Tiefen dieser Grenze.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit Vollendung der kolonialen Erschliessung Sibiriens durch das Russische Imperium und der Unterzeichnung der „Ungleichen Verträge”, fand die Grenze ihren heutigen, für Russland günstigen Verlauf. Der Bau der Ostchinesischen Eisenbahn um das Jahr 1900, als ein exterritoriales Teilsegment der Originalroute der Transsibirischen Eisenbahn durch ein dem westlichen Leser als Mandschurei bekanntes Gebiet gelegt, verknüpfte diese dünn besiedelte „Frontier” mit dem europäischen Teil Russlands ebenso wie wenig später mit dem chinesischen Kernland südlich der Grossen Mauer.

Beide Städte verdanken ihre Existenz dieser Transportader, die sich hier mit der politischen Schicksalslinie – einer der längsten Landgrenzen der Erde – kreuzt. In Friedenszeiten war diese Schnittstelle eine Arena hoher Transportaufkommen zwischen der Sowjetunion und China, in Zeiten politischer Antagonismen ein Schauplatz der Abschottung, ein Aufmarschgebiet des Militärs. Je nach politischer Grosswetterlage fuhren die Züge durch die beiden kolossalen Betontore, die den Reisenden die Ankunft im anderen Land anzeigen, oder sie standen still.

In den 50er Jahren verkündeten rote Banner auf dem Bahnhof von Manzhouli die „ewige, innige Freundschaft des chinesischen und sowjetischen Volkes”. Die junge Volksrepublik empfing sowjetische Delegationen unter musikalischer Begleitung und enthusiastischem Applaus der wartenden Gäste. „Es herrschte Hochbetrieb an der Grenze, täglich gingen mehrere Güterzüge nach China ab”, erinnert sich Vera Pawlowna, die vier Jahrzehnte lang die Waggons abfertigte. „Buntmetalle, Autos, Landmaschinen, Militärtechnik, Holz, Seife – was wir nicht alles an Bruderhilfe geliefert haben!”

Mit der politischen Eiszeit zwischen Moskau und Peking, die in späten 60er Jahren in einen blutigen Grenzkonflikt mündete, zogen Hunderttausende von Soldaten beider Staaten an der Grenze auf. Zabajkalsk war erneut Endstation. Auf Manzhouli gerichtete sowjetische Flutlichtscheinwerfer machten die Nacht zum Tag, Jets der Roten Armee flogen im Tiefflug über die Grenze. „An einem Märzmorgen 1969 lagen die Mobilisierungsbefehle für unsere Ehemänner in den Briefkästen – einen knappen Monat lang lebten wir im Kriegszustand”, erinnert sich Vera Pawlowna. Während der ersten Jahre der Kulturrevolution sei es immer wieder zu Zwischenfällen gekommen. „Einmal sollte ich den Zug Peking-Moskau über die Grenze begleiten. Doch Rote Garden setzten die Bahn und uns Schaffner fest, sie beschmierten die Waggons mit Parolen wie ‚Nieder mit der Sowjetunion’“, berichtet die Frau.

Zabajkalsk gehörte bis in die 90er Jahre zum militärischen Sperrgebiet, erreichbar nur mit Passierschein. Seit der Schlagbaum offen ist, gelten andere Regeln. Sowjetische Formen und Farben können nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen, dass Russland im Fernen Osten an Gewicht verliert. Erstmals in der Geschichte der russisch-chinesischen Beziehungen scheinen alle wichtigen Faktoren wie Demografie und Ökonomie gegen Moskau zu arbeiten. Russlands Territorien an der Grenze zu China – so gross wie Europa und lediglich von gut sechs Millionen Menschen bevölkert – haben seit dem Untergang der Sowjetunion bereits anderthalb Millionen Bewohner verloren. Der Nordosten Chinas zählt hingegen mehr als 130 Millionen Menschen – jedes Jahr kommt eine weitere Million hinzu.

Das Schlagwort der „Gelben Gefahr” hat in Russland eine lange Geschichte. Das Gros der Arbeiter auf den Baustellen der Transsibirischen Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts stammte aus China. In allen wichtigen Zentren Sibiriens gab es kleine China Towns. Obwohl man auch heute in China von „verlorenen Territorien” spricht, die bis zum Baikal reichen, ist eine Überfremdung nicht zu befürchten. Derzeit leben etwa eine Viertelmillion Chinesen in Russland östlich des Urals. Dennoch ist das gefährliche Spiel mit alten Feindbildern bei populistischen Politikern in Russland beliebt, auch um vom eigenen Unvermögen abzulenken.

Lange Zeit hing der Ferne Osten am Subventionstropf der sowjetischen Planwirtschaft; ein Grossteil der Volkswirtschaft war zudem eng mit dem Militärsektor verwoben. Als 1991 die Sowjetunion implodierte, fiel über Nacht die Hilfe aus Moskau weg. Nicht abgefertigte Güterzüge nach China stauten sich am Bahnhof von Zabajkalsk. „Auf die Waggons” seien damals alle gestiegen, erinnert sich Vera Pawlowna. Anwohner und Zugereiste plünderten, bis die Armee eingriff. Wenig später ersetzten chinesische Importe die einstige Warenpalette des „Grossen Bruders”. Inzwischen seien viele Chinesen hochnäsig geworden, meint die Rentnerin.

Es ist Chinas ökonomisches Übergewicht, das Russlands Peripherie aufzureiben droht, das offenbart die Überfahrt nach Manzhouli. Eine spiegelglatte sechsspurige Asphaltstrasse führt zum 2005 eingeweihten Flughafen, von dem aus Peking in zwei Stunden erreichbar ist. Linker Hand geht die Schnellstrasse in die Stadt ab. Die Silhouette von Manzhouli imponiert: Baukräne und Hochhäuser ragen in den Himmel. Wohntürme schliessen mit goldenen Kuppeln und Zwiebeltürmen ab. Die Magistrale flankieren Plakatwände mit Parolen der Kommunistischen Partei. „Manzhouli ist eine wichtige Stadt an der Grenze unseres Heimatlands, der zentrale Landhafen der sino-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen. Für den Aufbau des ‚Neuen China‘ und die Stärkung der nationalen Verteidigung nimmt die Stadt eine Schlüsselposition ein”, so ein Zitat von Mao Zedong. Auf dem Weg zu Stalins 70. Geburtstagsfest machte der Gründer der Volksrepublik Station in der Grenzstadt, die bereits in den 30er Jahren ein wichtiger Verbindungsort der chinesischen Kommunisten zur Komintern war.

Kaum ein Ort zwischen Moskau und Peking profitiert mehr von der „strategischen Partnerschaft” beider Länder. Bis in die frühen 80er Jahre war Manzhouli selbst kaum mehr als die chinesische Version des sowjetischen Zabajkalsk – ein militärischer Vorposten mit Bahnstation, mit Bauern, die von extensiver Viehhaltung lebten und den Kumpeln im nahe gelegenen Kohletagebau von Zhalainuoer. Doch seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas und der Privilegierung als Grenzstadt durch die Pekinger Zentralregierung zu Beginn der 90er Jahre hat sich Manzhouli aus seiner Abseitslage verabschiedet. Massenverschickungen von Han-Chinesen seit den 60er Jahren und der freiwillige Zuzug seit der ökonomischen Aufholjagd haben die Einwohnerzahl auf 160 000 anschwellen lassen. Mongolen und andere Nomaden, die lange vor Russen und Chinesen zu beiden Seiten der Grenze lebten, sind seither eine verschwindend kleine Minderheit.

Ein Besuch der Grenzdoppelstadt gerät zu einer Lektion in Geopolitik im 20. und 21. Jahrhundert. „Das Beste, was es in Manzhouli gab, waren die vom zaristischen Russland gebauten Eisenbahner-Wohnhäuser aus Stein. Die Chinesen hingegen lebten in Lehmhütten”, erinnert sich die pensionierte Schaffnerin Vera Pawlowna. Jedes Mal, wenn sie heute nach Manzhouli reist, erkennt sie die Stadt nicht wieder. Strasse um Strasse pflanzt sich der Ort Richtung Grenze fort. Allenthalben Überreste alter, niedriger Wohnstrukturen, die dem „Staryj Rynok”, anderen neuen Einkaufszentren oder Hochhäusern mit 30 Stockwerken und Spiegelglasfassaden weichen müssen. Im peinlich sauberen Park schäkern Liebespärchen auf Tretbooten, wohlhabende Händler gleiten in ihren teuren Limousinen durch die Glitzerwelt, Polizisten mit schneeweissen Handschuhen regeln den Verkehr. Eine Plakatwand verkündet, das Staatsfernsehen habe Manzhouli jüngst zu einer der zehn schönsten Städte mit Spitzenklasse-Tourismus gewählt. Im Hintergrund der Affiche prangt ein Foto, auf dem russische Frauen in Bikinis für einen Schönheitswettbewerb posieren.

Die Volksrepublik ist Russlands viertgrösster Handelspartner. Lag das Handelsvolumen 2000 noch bei acht Milliarden Dollar, so wird es sich laut Schätzungen in diesem Jahr auf 40 Milliarden Dollar belaufen, berichtete die Tageszeitung „China Daily” im Juni. Ein Blick von der langen Strassenbrücke auf die Gleise des Bahnhofs von Manzhouli, dem wichtigsten Güterumschlagplatz beider Länder, illustriert die Intensität des bilateralen Handels. Anders als in den 50er Jahren liefert nun China Fernsehapparate und Autos nach Russland. Güterzüge mit Rohöl und (oft illegal geschlagenem) Holz gehen indes Richtung China.

Das Potenzial für eine noch engere wirtschaftliche Kooperation ist gross, birgt aber auch Risiken. „Aus chinesischer Sicht ist Russlands Bedeutung für China einmalig: Reich an Naturressourcen und eigenwillig auf der Bühne der Weltpolitik, kann das flächengrösste Land der Welt Chinas Aufstiegsprozess beschleunigen oder verlangsamen, je nachdem, welche Position die politischen Eliten in Moskau zu ihrem ostasiatischen Nachbar einnehmen”, schreibt Gu Xuewu, Professor für Politikwissenschaften in Bochum.

Luo Guang kehrt oft im russischen Restaurant Lena in Manzhouli ein. Der hochgewachsene Nordchinese schlürft hier seinen Borschtsch. Für ihn hat China das Rennen mit Russland bereits gewonnen. Er spricht mit fester Stimme und weiss, dass die Russen hier im Lokal kein Chinesisch verstehen. „Obwohl der hohe Ölpreis mehr Geld in die Staatskassen sprudelt, sitzt Moskau in der Klemme”, sagt er. „Bei uns werden Steuereinnahmen in Infrastrukturprojekte investiert. Russland hat dagegen viel zu hohe Verpflichtungen; die Rentner fordern mehr Geld, das Militär verschlingt Milliarden. Kein Wunder, sind die Strassen drüben mit Schlaglöchern übersät.” Der Mann kennt beide Seiten der Grenze gut. Sieben Jahre hat er in Irkutsk gearbeitet, dort das Startkapital für seinen kleinen Textilladen im „Shiji Guangchang” verdient, einer neuen Shopping Mall für russische Touristen.

Auch die Studentin Julia Aleksandrowna geht gern ins Restaurant Lena. Das zweisprachige Menü bietet vor allem deftige russische Kost, Piroggen und Bliny. „Drüben bei uns in Zabajkalsk kostet das Essen das Doppelte und schmeckt meist nach altem Fett”, meint Julia, die in der Provinzhauptstadt Tschita Choreografie studiert. Eine chinesische Kellnerin, die auf den Namen Natascha hört, nimmt die Bestellung auf Russisch entgegen. Regelmässig fährt Julia Aleksandrowna zum Einkaufsbummel nach Manzhouli, ein wichtiger Nebenverdienst sei der Grenzhandel. Sie kauft Kleidung, Kosmetika und Haushalttechnik für sich und die Familie. „30 Kilogramm darf ich nach Russland einführen”, sagt sie. Jedes weitere Gramm koste Strafe, die in die Zöllner-Siedlung „Santa Barbara” abfliesse. Bevor sie zurück nach Zabajkalsk fährt, wolle sie noch schnell zur Maniküre. „Service ist spottbillig hier”, sagt sie. Chinesische Geschäftsleute in Manzhouli haben sich längst auf die Bedürfnisse der Russen eingestellt. Für junge Leute wie die Choreografie-Studentin ist die Reise nach China ein Katzensprung. Peking ist näher als Moskau.

Den inoffiziellen Pendlerverkehr, der anfangs auf beiden Seiten der Grenze „unzivilisiert” genannt wurde, unterstützt die Regierung in Peking mit Nachdruck, seit der damalige Premierminister Zhu Rongji vor Jahren den Begriff des „Volkshandels” ins Spiel gebracht hat. Doch die Zeit, als billige Synthetik-Hosen, Hemden der Marke „BSOSS” oder andere falsche Artikel den Besitzer wechselten, sind vorbei. „Die Chinesen haben gemerkt, dass Russen keinen Ramsch kaufen wollen”, bemerkt Julia Aleksandrowna.

Wie China sich die Zukunft ausmalt, zeigt sich unterwegs auf der überdimensionierten Asphaltpiste zurück Richtung Grenze: Dort erhebt sich ein Russland en miniature vom nackten Steppenboden. Hauptattraktion auf dem „Taowa Guangchang” – Matroschka-Platz – ist eine knapp 29 Meter hohe Matroschka, die grösste der Welt, wie ein Schild die Besucher belehrt. Im Bauch der Puppe aus Stahlbeton und Blech bietet ein Restaurant Speisen des nördlichen Nachbarn an. Ringsherum reihen sich mit Pandabären und anderen skurrilen Motiven verzierte Fabergé-Eier.

Aus ganz China reisen Touristen an und fotografieren sich vor der Disney-Silhouette. Westlich der Matroschka fällt ein blau strahlender Sakralbau auf. Was auf den ersten Blick wie eine russisch-orthodoxe Kirche anmutet, ist das im April 2006 eingeweihte „Museum russischer Kunst”. Auf 4600 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist ein buntes Potpourri aus 2000 Exponaten ausgestellt: Lenin- und Stalin-Büsten, Orden der Roten Armee, sowjetische Fotoapparate, alte Postkarten und Samoware aus der Zarenzeit.

Im hohen Bau hängen abgepinselte oder farbkopierte Ölschinken. Wände, Decken und Stuckatur sind mit barocken Frauenzimmern verziert – je üppiger der Busen, desto grösser die Freude einiger Besucher. „Schiess noch ein Foto”, ruft der Soldat Wang Jingshan seinem Offizierskollegen ungeniert zu, der wie ein pubertierender Junge kichert. Auf Dienstreise lassen sich die beiden Soldaten der Volksbefreiungsarmee von einer Führerin die Errungenschaften der russischen Kultur erklären. Doch das Interesse der Männer richtet sich auf die nackten Damen an der Wand. In Uniform und mit einem breiten Grinsen greift Wang der Frau auf Leinen in den Schritt. Sein Kamerad drückt den Auslöser. Chinesisch-sowjetische Freundschaft sei das, frotzelt Offizier Wang.

Verlässt der von den frischen Fassaden geblendete Reisende den Einkaufsbezirk von Manzhouli, so scheint alles altbekannt: Niedrige Backsteinbauten und schlechte Strassen, Dreck. Gewiss, die Architektur unterscheidet sich von jener Russlands, doch erinnern diese Aussenbezirke daran, dass der Traum von einem „Neuen China” sich vorerst auf wenige Quadratkilometer in der Steppe beschränkt. Auch China baut Potemkinsche Dörfer.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: