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Amour jenseits des Amur

15. November 2007
Junge Frauen aus dem Fernen Osten Russlands suchen im nahen China ihr Glück. Manche werden fündig.

Zurückgelehnt ins weiche Polster des Buick Shanghai gleitet Anastasia durch den Harbiner Berufsverkehr. Sie prüft ihr Make-up im Beifahrerspiegel. „California Dreaming” summt aus den Boxen. Sergej, der seine große Schwester vom Einkaufsbummel nach Hause chauffiert, ist stolz auf sie und auf die rote Limousine, die er fährt. Hinters Steuer der Nobelkarosse darf Sergej seit sein chinesischer Schwager sich eine Mercedes S-Klasse gekauft hat. Geschickt steuert er den Wagen an Kleinbussen und Dreirädern vorbei, wie es sich für den Chauffeur einer Grande Dame gehört. Hier im Nordosten Chinas beginnt für viele Russen ein neues Leben.

Im Sommer 1990, ein Jahr bevor die Sowjetunion untergeht, fährt Anastasia zum ersten Mal ins Ausland. Für Russen aus Wladiwostok bedeutet das schon damals – nach China. In Mudanjiang studiert sie für ein paar Wochen die schwierige Sprache des Nachbarlands. Das simple Leben in der nordostchinesischen Provinzstadt unweit der Grenze, die Exotik der fremden Nähe erscheint ihr bunter, als der sozialistische Alltag daheim. Die Wochen in der Volksrepublik verändern ihr Leben. Sie kündigt ihren Job als Kindergärtnerin und arbeitet die nächsten Jahre als Sekretärin in einem russisch-chinesischen Jointventure; sie möchte unbedingt wieder zurück ins Reich der Mitte. Als Tänzerin verdient sie nebenbei ein bescheidenes Zubrot.

Buntes Licht der kyrillischen Ladenreklamen spiegelt sich im Lack, als der blank polierte Buick die Gogolstrasse hinaufbraust. „Es gibt hier Orte, an denen man sich wie in Russland fühlt”, sagt Anastasia heute über Harbin, nach zwölf Jahren China. Beinahe wie in der Heimat, nur schöner sei es hier. Postmoderner Stuck verdeckt chinesischen Beton seit die Strasse ihren historischen Namen wieder trägt. Anastasia hat selten Heimweh. An den auf Europa getrimmten Fassaden und in der Zentralstrasse, der historischen Fußgängerzone Harbins, mit ihren prächtigen neobarocken Geschäftshäusern aus den 20er Jahren, scheint Europa ganz nah. „Bis heute wirkt der europäische Einfluss nach, Architekten der neuen Häuser lassen sich vom historischen Erbe inspirieren”, sagt Anastasia.

Die Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas zählt heute sechs Millionen Einwohner – fast alle sind Chinesen. In den Gründerjahren Anfang des 20. Jahrhunderts war Harbin eine politische und kulturelle Hochburg des russischen Exils. Die Intelligenz, die Weissen Armeen und Unternehmer flohen nach dem verlorenen Bürgerkrieg vor den herannahenden Kommunisten in die noch junge Eisenbahn- und Kolonialstadt in der Mandschurei. Binnen Dekaden wuchs Harbin zu einer multikulturellen Metropole auf 200 000 Menschen an.

Im Spätherbst 1993, drei Jahre nach ihrer ersten China-Visite, tourt Anastasia als Tänzerin mit einem Varieté-Ensemble durch Südchina, wo sie Sun Hongwei begegnet. Reisterrassen und Monsun statt Birkenwälder und klirrender Frost – anfangs sei die Tournee im Reich der Mitte wie ein Traum gewesen. Ihr zukünftiger Ehemann, ein Kulturmanager mit einem runden, fröhlichen Gesicht, begleitet damals die Tanztruppe. Weil ein Veranstalter sie betrogen hat, gerät das Ensemble in finanziellen Schwierigkeiten. Bald müssen die Tänzer in jeder größeren Stadt auftreten, der Weg zurück nach Russland scheint immer länger zu werden. Die Gagen reichen gerade, um Fahrtkarten bezahlen zu können. Hongwei und Anastasia kommen sich in diesen schwierigen Wochen näher, verliebten sich auf der Odyssee durchs chinesische Hinterland. Im letzten Moment, als die Tänzer am Bahnhof von Harbin endlich in den Zug nach Russland steigen können, überwindet Hongwei seine Scheu: „Musst du wirklich nach Hause? Wir werden uns wohl nie wieder sehen. Bleib hier, werde meine Frau!” Der Zug gen Heimat geht ohne Anastasia ab. Von nun an blieb sie an der Seite von Hongwei.

Heute nennt sie Harbin, den Geburtsort ihres Mannes, ihre Heimat. Hier hat sie Chinesisch studiert, spricht die Sprache inzwischen fliessend. Leute aus der Nachbarschaft grüssen sie mit einem Lächeln. „In Harbin gibt es gibt sehr viele Möglichkeiten für Russen. Das Leben ist einfacher als in Russland. Man wird nicht kontrolliert, nicht belästigt, ich fühle mich hier sicher”, sagt sie.

Als ihr Bruder mit dem Wagen in der Tiefgarafe abtaucht, geht Anastasia über die Strasse zur Maniküre. Die junge Frau mit den vollen Lippen pustet sanft den Lack trocken. Dass sie schon 37 Jahre alt ist, glauben ihre nicht einmal ihre Freunde. Kritisch begutachtet sie ihre Fingerspitzen, dreht die Hände hin und her. Golden leuchten die Nägel mit einem schmalen roten Streifen. „Das passt doch gut zum Sommer”, sagt die junggebliebene Frau. Sie legt 30 Yuan auf den Tisch – umgerechnet drei Euro. Jede Woche gehe sie zur Maniküre, jede Woche eine andere Farbe. „Jetzt habe ich die Zeit dafür, das war nicht immer so”, sagt sie und wedelt mit den Händen.

Ende 1993, die Heiratsunterlagen in China eingereicht, fährt das verliebte Paar nach Wladiwostok, um sich dort ebenfalls zu registrieren. Als Anastasias Eltern davon erfahren, dass ihre Tochter einen jungen Chinesen geheiratet hat, stellen sie sich ebenso wie Familie Sun gegen die Hochzeit. „Auch viele meiner Freunde und alten Klassenkameraden zeigten kein Verständnis. Ich war es Leid, mich ständig rechtfertigen zu müssen”, sagt sie. Damals in Wladiwostok, im Winter 1993, blies beiden ein eisiger Wind ins Gesicht. Sie verließ ihre Eltern und mietete sich mit Hongwei eine eigene Wohnung. „Damals hatten wir nicht einmal genug Geld für die Heizung”, erinnert sich Anastasia heute.

Vom Maniküre-Studio geht sie zurück nach Hause, nur ein paar Meter sind es über die Strasse. Mit ihrem Mann bewohnt sie seit drei Jahren ein Apartment in einer exklusiven Wohnanlage an der Zentralstrasse, vier Zimmer für umgerechnet 23 000 Euro. Im Foyer des Arpartmentkomplexes plätschert ein Marmorbrunnen, sie wartet auf den Fahrstuhl. In der Messingtür spiegelt sich Anastasias lockiges Haar, sie zupft es zurecht. Der Liftboy fährt sie in den elften Stock.

Nicht immer war ihr Leben so unbeschwert wie heute. Mitte der 90er Jahre zog das junge Paar zurück nach Harbin. Damals bauten beide in Russland und China eigene Tanz-Ensembles auf, gründeten ein Jointventure für kulturellen Austausch und Kooperation. Bald kauften sie ihr erstes Auto, dann eine kleine Wohnung – die schwierigen Jahre, als Menschen an die Wohnungstür klopften und Schulden einforderten, waren vorüber. Inzwischen investieren sie ihre Gewinne in eine Zuckerfabrik in der südchinesischen Provinz Yunnan.

Vom Balkon ihres noblen Apartments blickt Anastasia hinab auf die Dächer des historischen Zentrums von Harbin. Für viele Menschen aus dem strukturschwachen Fernen Osten Russlands sei China das gelobte Land. „Es gibt sehr viele russische Studenten und Fremdsprachenlehrer an den Universitäten, Manager und Dolmetscher in internationalen Firmen”, sagt Anastasia. Ein Grossteil des kulturellen Lebens in Harbin wird heute wieder von Russen bestimmt. „Die renommiertesten Ballett- und Klavierlehrer, auch die Eiskunsttrainer kommen heute aus Russland.” Es sei eine Frage von Prestige, einen russischen Lehrer zu engagieren.

Über hundert russisch-chinesische Paare leben mittlerweile in Harbin. Meist sind es Chinesen, die sich ihre Braut in Russland suchen. Nicht erst seit der Ein-Kind-Politik herrscht in China Männerüberschuss. In Russland hingegen sterben viele junge Männer durch Kriminalität oder Alkohol, bevor sie ihre Auserwählte um das Ja-Wort bitten können.

Doch nicht alle Mädchen aus Russland finden südlich des Amur ihr Glück. Anastasia spricht nur ungern über die Schattenseiten der neuen russisch-chinesischen Freundschaft. Sie erzählt von ihrer Freundin Katja, die ebenfalls aus Wladiwostok nach Harbin kam. Anfangs verdiente sie gutes Geld als Fotomodell. „Sie war auf den Werbebannern der Omnibusse in Harbin präsent”, sagt Anastasia. Doch dann als Nachtclub-Tänzerin rutschte sie ab in die Prostitution. „Bei anderen geht das viel schneller. Die wollen in den Sommerferien gutes Geld verdienen und enden dann im Puff.” Das war schon einmal so. Viele Töchter der russischen Elite aus der Zeit vor der Oktoberrevolution, als Emigranten in Harbin und Schanghai gestrandet, ernährten ihre verarmten Familien damals als Edelprostituierte. Bis heute hält sich dieser Ruf der „leichten russischen Mädchen” hartnäckig unter Chinesen.

Alessia Sun hat den Spagat zwischen Russland und China geschafft. Im März 2003 geboren, ist die Tochter von Anastasia und Hongwei im Kindergarten unter Chinesen aufgewachsen; zu Hause und in den Sommerferien bei der Großmutter spricht sie dagegen Russisch. „Sie hat einen australischen Englischlehrer und im Kindergarten gibt es eine Tanzausbildung”, sagt Anastasia. Inzwischen kennen sich auch die Schwiegereltern, man besucht sich gegenseitig. Ihr Bruder Sergej, der seine Schwester im Buick chauffiert, ist selbst in Harbin sesshaft geworden. Wo ihre Tochter zur Schule gehen werde, wisse sie noch nicht. „Sie ist in beiden Ländern zu Hause.”

Erschienen in: dpa

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