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Der lebende Buddha

19. Januar 2008

Das Massaker von Nanjing

Vor 70 Jahren besetzten japanische Truppen die damalige chinesische Hauptstadt. Ein „guter Nazi“ rettete unzählige Menschen vor dem Tod

Lange Zeit stand das zweistöckige Wohnhaus in der Innenstadt von Nanjing, unweit der ehemaligen deutschen Botschaft, vergessen und heruntergekommen da. Doch spätestens seit vor anderthalb Jahren Bauarbeiter die Villa John Rabes, die heute von hohen Universitätsgebäuden auf dem Campus eingeschlossen wird, wieder herausgeputzt haben, ist der Deutsche, den manche hier einen „guten Nazi“ nennen, wieder in aller Munde. Inzwischen erinnern sich sowohl Deutsche als auch Chinesen gerne wieder an die Heldentat des Kaufmannes aus Hamburg – jedoch unter anderen Vorzeichen.

Das Massaker

Das Vorrücken japanischer Truppen auf die alte Kapitale Chinas hatte sich seit Wochen angekündigt. Nach der Besetzung der Mandschurei 1931 waren japanische Truppen im Sommer 1937 in Nordchina einmarschiert – der Zweite Weltkrieg in Asien begann. Sie attackierten Schanghai und bereits im August bombardierten Flugzeuge des Inselkaiserreichs die Hauptstadt der Republik. Am 10.ÊDezember des gleichen Jahres standen die Truppen des Tenno vor den alten Stadtmauern, drei Tage später fiel Nanjing. Es folgten düstere Wochen scheinbarer Anarchie. Doch Zerstörung, Plünderung und Brandschatzung erfolgten meist geordnet, nicht chaotisch. Im nordwestlichen Stadtteil Xiaguan schliffen die japanischen Einheiten fast alle Gebäude – einzig der Bahnhof, der für Truppenverlegungen strategisch war, blieb verschont. Schlimmer noch waren Morde und Massenvergewaltigungen, die sich sechs Wochen lang bis Ende Januar 1938 an die Erstürmung der Millionenstadt anschlossen. Sie sind in vielen Fällen wohl von militärischen Entscheidungsträgern sanktioniert gewesen. Eine Untersuchung des Nanjinger Bezirksgericht bezifferte die Opfer im April 1946 auf 295.525 Menschen. Eine Zahl, die chinesische Historiker oft als zu vorsichtig einschätzten, andere – meist ausländische Wissenschaftler – aber auch für zu hoch gegriffen hielten.

Unabhängig davon, wie viele Menschen bei dem Massaker tatsächlich starben, hat sich die Zahl 300.000 fest in das kollektive Gedächtnis der Chinesen eingeschrieben. John Rabes von Abscheu und Ekel durchtränkte Tagebuchnotizen aus jenen Wochen lassen keinen Zweifel: „Man hört nur noch von Vergewaltigungen. Wenn die Männer oder Brüder dazu kommen, werden sie erschossen. Wohin man sieht und hört, nichts als Brutalität und Bestialität der japanischen Soldateska.“

Anders als Rabe waren die meisten Ausländer vor dem Einmarsch der Japaner geflohen, zuletzt auf eilig herbeorderten Kanonenbooten der US-Marine. Als Nanjing weitgehend kampflos fiel, waren nur zwei Dutzend internationale Geschäftsleute und Missionare in der Stadt verblieben, überwiegend Deutsche und Amerikaner. Ihr Drittland-Status, so hofften sie, werde sie und ihre ökonomischen wie geistlichen Unternehmungen vom gewaltsamen Zugriff der Okkupanten schützen. Noch bevor das Donnern der japanischen Artillerie zu hören war, hatten sie am 22. November 1937 das Internationale Komitee der Sicherheitszone von Nanjing gegründet – mit dem damals 55-jährigen Deutschen John Rabe als Vorsitzenden. Unter der Obhut des Internationalen Komitees fanden im Winter 1937/1938 eine Viertelmillion Chinesen in einer etwa zwei Mal drei Kilometer großen Zone der Stadt relativen Schutz vor dem Zugriff japanischer Soldaten. Allein Rabes Privatgrundstück bot mehr als 600 Menschen Sicherheit vor Hinrichtung und Vergewaltigung.

Das Hakenkreuz als Camouflage

Drei Jahrzehnte China-Erfahrung hatte Rabe damals. Der 1882 in Hamburg geborene Kapitänssohn war ein typischer westlicher Kaufmann, er sprach kein Chinesisch, sondern Englisch. Dennoch: Mit der chinesischen Kultur war er dennoch vertraut, seine Tagebuchnotizen sind mit chinesischen Redewendungen gespickt. Bereits 1908, als der letzte Kaiser der Qing-Dynastie den Thron bestieg, war er ins Reich der Mitte gekommen. Seit 1911 arbeite er für Siemens – zuletzt als höchster China-Repräsentant der Firma in Peking, ab 1931 dann in Nanjing.

Der eher unauffällige Kaufmann erscheint in den Wintermonaten 1937/1938 als ein Philanthrop, der selbst sein Leben riskierte. Der Mann mit der runden Brille, dessen streng gestutzter Bart an Hitler erinnert, war für den Posten des Komitee-Vorsitzenden jedoch auch aus einem weiteren Grund prädestiniert.

Rabe war NSDAP-Mitglied ­– die Achsenmacht Japan, so spekulierte man, werde Rabe mit Wohlwollen begegnen müssen. Doch auch die Hakenkreuzfahnen an seinem Haus schützten den Vorsitzenden des Internationalen Komitees und die Flüchtlinge nicht immer vor Übergriffen der Besatzer. So drangen japanische Soldaten immer wieder in die Villa Rabes ein oder stoppten seinen Wagen: „Sie ließen mich erst passieren, als ich mit voller Stimme den Soldaten anschrie, er solle das deutsche Banner auf dem Wagen und mein Hakenkreuz-Abzeichen respektieren, die zeigen, dass ich ein Offizieller der NSDAP bin“, heißt es in einem Dokument des Internationalen Komitees vom 20. Dezember 1937 aus Rabes Feder.

Doch wer war John Rabe? Ist er der – von vielen herbei geredete ­– Oskar Schindler Chinas, den die Nanjinger einen „lebenden Buddha“ nannten, der nicht wie Schindler „nur“ rund 1.200, sondern mehr als 200.000 Menschen das Leben rettete? Der Geschäftsmann war seit 1934 Mitglied der Partei Hitlers, doch je mehr man von Rabe aus persönlicher Niederschrift oder von Weggefährten erfährt, desto schwerer fällt es, eine Verbindung zwischen der Persönlichkeit des großherzigen Mannes und seiner Verehrung für Hitler herzustellen.

Im Februar 1938 wurde John Rabe nach Berlin zurückbeordert. Dort hielt er in den ersten Monaten Vorträge über das Massaker von Nanjing und bemühte sich vergeblich um ein persönliches Gespräch mit dem „Führer“, von dem er glaubte, dieser sei über die schrecklichen Vorgänge nicht informiert gewesen. Auch ein Brief an ihn blieb unbeantwortet. Statt dessen verhörte ihn die Gestapo und inhaftierte ihn. Auf Druck von Siemens kam Rabe wenig später wieder frei. Über das Massaker in Nanjing musste er Stillschweigen bewahren. Rabe arbeitete weiter für Siemens, ging für die Firma nach Afghanistan. Das Kriegsende erlebte er in Berlin, wo er 1950 in bescheidenen Verhältnissen starb.

Mit seinem Tod schwand auch die Erinnerung an seine humanitäre Leistung weitgehend. Rabes Tagebuch, das detailliert über die Zeit in Nanjing und Berlin informiert, hat den Krieg überdauert. Seine Familie wollte es jedoch nicht veröffentlichen. Erst 1997 hat es Erwin Wickert – Vater des bekannten Fernsehmoderators – herausgegeben. Wickert, Diplomat seit 1939 und später erster Botschafter der Bundesrepublik in Peking, hatte als junger College-Absolvent Rabe 1936 in Nanjing besucht.

Wechselnde Deutungen

Wie viele historische Leistungen unterliegen auch John Rabes Leben und philanthropisches Werk den Wechselfällen der jeweils gültigen Geschichtsdeutung. Das Gedenken an die Kriegsverbrechen in Nanjing nahm – wie der Historiker Mark Eykholt schreibt – in der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur der Volksrepublik China viele Wendungen. Für die kommunistische Führung in Peking war es eine ideale politische Waffe und gegen wechselnde Gegner einsetzbar. Zum Einsatz kam sie erstmals während des Koreakrieges, als Peking mit der Erinnerung an das Massaker die Bevölkerung gegen die Vereinigten Staaten in Stellung brachte. Der Vorwurf galt den internationalen Vertretern der Zone, sie hätten die Gräueltaten der Japaner teilweise gedeckt.

Als sich in den siebziger Jahren der revolutionäre Eifer in China legte und sich die diplomatischen und ökonomischen Beziehungen zu Japan intensivierten, verlor auch das Massaker von Nanjing an Bedeutung in der offiziellen Historiographie, und auch die chinesische Presse enthielt sich der Erinnerung an die wichtigen Jahrestage des Krieges: die japanische Invasion in der Mandschurei am 18. September 1931 und den Einmarsch japanischer Truppen in Nordchina am 7. Juli 1937.

In den achtziger Jahren, als es in Japan zunehmend und bis heute anhaltende Versuche konservativer Kräfte gab, die Menschenrechtsverbrechen des Krieges gegen China aus Schulbüchern zu streichen, verschärfte sich der Ton zwischen Peking und Tokio erneut. China war um eine anti-japanische Geschichtspolitik bemüht, eine erste systematische Forschung begann. So lässt sich auch die Eröffnung der Gedenkstätte für die Opfer des Nanjing-Massakers erst 40 Jahre nach Kriegsende, 1985, verstehen. Dennoch blieb die japankritische Haltung der Führung aus wirtschaftspolitischen Erwägungen oft hinter den Erwartungen der Bevölkerung zurück, Studentenproteste gegen Japan wurden zu jener Zeit sogar unterdrückt.

In den neunziger Jahren ist es zu einer neuerlichen Wende gekommen. Zahllose wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Arbeiten chinesischer, japanischer und westlicher Autoren über das Massaker von Nanjing erschienen, die Aufarbeitung ist intensivier und globaler als je zuvor. Die Opferrolle betonende patriotische Filme – insbesondere der 1995 in chinesischen Kinos angelaufene Film Nanjing datusha (Don´t cry Nanjing) des Regisseurs Wu Ziniu – brachen die gerade rekonstruierte historische Komplexität des Kriegsverbrechens wieder herunter auf einen national-heroischen Plot. Dass die 36. Division des Guomindang-China auf der Flucht andere chinesische Einheiten attackierte oder Teile des Militärstabs – teils ohne Uniform – feige die Stadt verließen, um ihre eigene Haut zu retten, passt nicht in dieses Bild. In China stand die patriotische Erziehung im Vordergrund, die im Rahmen des sich kommerzialisierenden Kommunismus der Volksrepublik zunehmend eine nationalistische Prägung erfuhr. Nanjing ist heute das Symbol japanischer Kriegsverbrechen in China schlechthin.

Das ferne Deutschland – obwohl in die imperiale Aufteilung Chinas selbst involviert – erscheint in den Augen vieler Chinesen dabei als Musterknabe in Sachen Aufarbeitung der eigenen Geschichte: Berlin hat um Vergebung gebeten und Milliarden Mark an Entschädigungen gezahlt. Die Reue Tokios nimmt sich – trotz offizieller Entschuldigungen und Reparationen – dagegen klein aus. Die Erinnerung an den „lebenden Buddha“, den „guten Nazi“ John Rabe verstärkt das Zerrbild von den „einsichtigen Deutschen“ und den „unverbesserlichen Japanern“ zusätzlich.

So bleibt zu hoffen, dass die Verfilmung der Geschichte John Rabes durch Nachwuchs-Talent und Oscar-Preisträger Florian Gallenberger, die 2008 in die Kinos kommen soll, etwas mehr historische Tiefenschärfe besitzt als Wu Zinius Streifen. Und dass wir bei allen staatlich gefördeten Lobeshymnen auf die Schindlers und Rabes eines nicht vergessen: Nicht jeder Nazi war ein guter Nazi.

Erschienen in: Freitag & Jüdische Zeitung

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