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Qingdao – grüne Insel am Gelben Meer

12. August 2008

Porträt einer chinesischen Stadt, die deutsche Kolonialherren vor hundert Jahren erbauten

Qingdao, am Gelben Meer zwischen Peking und Schanghai gelegen, ist ein Austragungsort der Olympischen Sommerspiele. Gäste aus aller Welt verfolgen hier Segelregatten und staunen über eine Stadt, die in vielerlei Hinsicht nicht chinesisch wirkt.

Glockengeläut dringt hinab vom hölzernen Dachstuhl, ungewohnte Töne in einem Land, das kaum Kirchenglocken kennt. Im Turm der evangelischen Christuskirche im chinesischen Qingdao (Tsingtau) halten sich einige Besucher die Ohren zu. Sie stehen auf der schmalen Stiege. Die alte Turmuhr kündet von einer vergangenen Zeit. „J. F. Weule” steht in goldenen Buchstaben auf dem mechanischen Uhrwerk geschrieben. Die evangelische Kirche steht am Fuss des Xinhaoshan- Parks, das Sonntagsgeläut dringt vom 39 Meter hohen Turm bis unten in die Millionenstadt. 1908 bis 1910 vom Architekten Curt Rothkegel gebaut, diente sie als Gotteshaus einst der deutschen Gemeinde von Qingdao. Weithin sichtbar, passt sich der Sakralbau bestens in das für China „exotische” Panorama ein: rote Dächer, grüne baumbestandene Hügel – beinahe paradiesisch wirkt das von deutschen Kolonialherren vor einhundert Jahren erbaute Erbe Qingdaos, der „Grünen Insel”, wie die Stadt auf Chinesisch heisst. Doch die Besucher halten nur kurz inne, noch bevor die Glocken verstummen, zieht es sie an die Strände, von denen man in Qingdao behauptet, es seien die schönsten im Land.

Der Deutschen liebstes Kolonialprojekt

Als China 1895 den Krieg gegen Japan verlor, tat Berlin es anderen europäischen Staaten gleich und nutzte die Schwäche des Reichs der Mitte aus. Die verspätete Kolonialmacht Deutschland nahm den Mord an zwei katholischen Missionaren als Vorwand, um sich einen Vertragshafen im halbkolonialen China zu sichern. Mit einem Überraschungscoup besetzten am 14. November 1897 Matrosen des deutschen Fernost-Kreuzergeschwaders die Jiaozhou-Bucht an der Südküste der Halbinsel Shandong. Monate später verpachtete Peking den Deutschen das Areal mit einer Grösse des Stadtstaats Hamburg auf 99 Jahre. Obwohl das „Pachtgebiet” um Qingdao selbst nicht das Potenzial für einen deutschen „Platz an der Sonne” besass, galt der maritime Kolonialbesitz als strategisch bedeutender Ausgangspunkt. Ausserdem versprach der Hafen mittelfristig die Belebung des deutschen Überseehandels.

Dass es vor der deutschen Invasion eine Siedlungsgeschichte gab, davon zeugt bis heute der 1891 für die Armeen der Qing-Dynastie gebaute Pier. Der auf 440 Meter Länge erweiterte Bau ist heute ein beliebter Ort zum Promenieren. Sonst erinnert wenig an die Zeit vor der deutschen Besetzung. Auf den Trümmern der chinesischen Siedlungen verwirklichten deutsche Planer während der siebzehn Jahre währenden Besetzung ein europäisches Stadtentwicklungsprogramm. Die „Musterkolonie” war ein Prestigeobjekt Berlins. Am Gelben Meer entstand eine deutsche Schaufenster-Kleinstadt, die sich deutlich von den übrigen Vertragshäfen in China unterschied: Intensiver als anderswo transformierten deutsche Architekten, Ingenieure und Verwaltungsbeamte die chinesische Gesellschaft nach aus der fernen Heimat übernommenen Standards. Eine Kanalisation wurde verlegt, und Stadthäuser wurden gebaut, die streng an Alleen ausgerichtet waren und von gepflasterten Trottoirs gesäumt wurden. Die Stadtbevölkerung wuchs schnell, vervierfachte sich bis 1913 im Stadtgebiet auf knapp 56 000 Einwohner, wobei die rund 4000 Zivilisten und Soldaten der „Schutzmacht” nur einen Bruchteil ausmachten.

Die Zeiten überdauert

Die Reichsregierung investierte viel Geld, denn Qingdao war „der Deutschen liebstes Kolonialprojekt und gehätscheltes Objekt der auf bürgerliches Prestige bedachten Marine”, wie Bernd Martin schreibt und dabei auf politische Gegner wie den kolonialpolitischen Sprecher des Zentrums im Reichstag verweist, der die Verschwendung öffentlicher Gelder in einer Rede 1908 anprangerte: „Ich glaube, wenn man die 110 Millionen in Deutschland verwenden würde, so könnte man – um ein Wort des Abgeordneten Bebel zu gebrauchen – aus der Mark Brandenburg den schönsten Garten der Erde machen.” Vier Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs okkupierte Japan die Stadt und führte die deutschen Pläne fort. „Diese jedes Klischee von deutscher und japanischer Gründlichkeit bestätigende Reissbrett-Entwicklung Qingdaos fand nirgendwo sonst ein Gegenstück”, resümiert der Historiker Jürgen Osterhammel. Als die Stadt Ende 1922 wieder in chinesische Verwaltung überging, blieb sie dennoch ein zentraler Brückenkopf der Japaner im chinesischen Kernland, die hier vor allem in die für Qingdao wichtige Baumwollproduktion involviert waren. In den dreissiger Jahren lebten 15 000 Japaner in der mittlerweile eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt – Japan übte indirekt weiter Einfluss aus.

Zwei Kirchen und zahlreiche Villen mit ihren typischen Holzveranden erinnern bis heute an das koloniale Erbe der „Europäerstadt”. Zudem zeugen einige wilhelminische Verwaltungsbauten von der semikolonialen Vergangenheit, wie das 1903 bis 1906 gebaute Gouvernement- Gebäude. Der wichtigste Verwaltungsbau der deutschen Administration mit seiner symmetrischen Dreiflügelanlage aus Granit wirkt massiv und wehrhaft. Anders als viele historische Häuser – als Schandmal eines fremden Imperialismus verpönt und während der Kulturrevolution ausgelöscht – überdauerte das Baudenkmal als Regierungsgebäude die Zeit. Es überdauerte ebenso den rasanten ökonomischen Aufschwung, der mit der Öffnung der Küstenstadt durch den Aufbau einer Sonderwirtschaftszone vor den Toren der Stadt 1984 begann, als Ausfallstrassen Schneisen in die alte Baustruktur rissen und Hochhäuser die Ziegeldächer zu überragen begannen. Der frühere Bürgermeister Yu Zhengsheng setzte sich in den neunziger Jahren für einen – damals in China ungewöhnlichen – Baustopp in der historischen Altstadt ein. Ihm gelang es, die Wolkenkratzer an die Peripherie zu verlagern – die mittlerweile freilich selbst zum Zentrum geworden ist.

Seit einigen Jahren gibt es vielfältige Formen der Annäherung an die koloniale Vergangenheit. Neben dem gestiegenen Interesse am wilhelminischen Teil der Lokalgeschichte verbinden viele Bürger von Qingdao mit Deutschland bis heute das Tsingtao-Bier, das als Chinas erfolgreichste Biermarke gilt und in über 50 Länder exportiert wird. Ab 1903 von deutschen Meistern gebraut, halten nicht nur deutsche Touristen, sondern viele Chinesen das traditionsreiche Gerstenbräu für das älteste in China. Ein Brauereimuseum erinnert an die Tradition. Nur Harbin im Nordosten Chinas hat eine längere Biertradition. In der Keimzelle der chinesischen Bierkultur brauten russische Juden bereits 1900 Bier. Neben der Trinkkultur weist Qingdao ökonomisch enge Verbindungen mit Deutschland auf. Derzeit gibt es in Qingdao mehr als 150 Projekte mit deutscher Kapitalbeteiligung. Die Investitionssumme dieser Betriebe beträgt knapp 500 Millionen Dollar.

Die ökonomisch erfolgreiche Stadt mit ihrem grossen Containerhafen und zahlreichen Fabriken profiliert sich zunehmend als Tourismus- Standort und kokettiert dabei mit ihrem europäischen Antlitz im Zentrum. Bei den olympischen Segelwettbewerben im August erwartet man Gäste aus aller Welt. Obwohl Chinesen erst seit kurzem den Wassersport für sich entdeckt haben, soll Qingdao nach dem Willen des Bürgermeisters eine Segelstadt mit Weltruf werden. Für über 1000 Schüler der Stadt zählt Segeln mittlerweile zum Stundenplan, zahlreiche Jachtklubs sind in den vergangenen Jahren entstanden. Bereits 2006 war Qingdao eine Station des „America’s Cup”.

Letzten Sommer drehten sich noch Kräne an der Marina, wo seither für über 300 Millionen Euro auf dem Fundament eines alten Hafengeländes das Pressezentrum und ein kleines olympisches Dorf entstanden sind. Auch vor dem schmachvollen Fackellauf um die Welt überliessen die chinesischen Gastgeber nichts dem Zufall, der Stab der freiwilligen Helfer war riesengross, Militär und Polizei riegelten das Gelände damals weiträumig ab. Die grösste Unbekannte sind dann aber nicht Tibet- Aktivisten, sondern die Windgeschwindigkeiten. Denn Qingdao gilt zwar ökonomisch als Boomtown, doch im Sommer herrscht hier oft Flaute.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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