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Der Chinese mit den grünen Augen

26. November 2008

Im Nordosten der Inneren Mongolei leuchtet das Gras satter als anderswo. Selbst einige Einheimische unterscheiden sich von den meisten Chinesen

Staub wirbelt auf und verdeckt die grelle Sommersonne. Zhang Dongping schaut dem alten Jeep hinterher, der auf der Schotterpiste vorbeizieht. „Seit ein paar Jahren kommen hin und wieder ein paar Russen durchs Dorf“, sagt der Chinese. Bis zur Grenze nach Russland sind es knapp 20 Kilometer. Der russische Wagen ist nur noch an der Sandwolke am Horizont zu erkennen. In Heischantou ist es wieder still.

Hier im Nordosten der Inneren Mongolei, einem autonomen Gebiet Chinas, sind die Farben der Natur satter als anderswo im Land der Mitte. Der Himmel ist noch blau, das Steppengras leuchtet grün. Selbst einige Einheimische unterscheiden sich von den meisten Chinesen: Wie Herr Zhang hat manch einer hier hell leuchtende Augen.

„Ja, ich bin ein Viertel Russe. Meine Großmutter war Russin“, sagt Herr Zhang, seine grünen Augen peinlich berührt auf den Boden gerichtet. Neben Han-Chinesen, der größten Ethnie Chinas, zählt der Norden der Inneren Mongolei mehr als zwei Dutzend Minderheiten wie Mongolen, Mandschuren, Dauren und Russen. „Die ersten Russen kamen noch zur Zarenzeit hierher. Die meisten flohen aber nach der Oktoberrevolution, Rote wie weiße Russen. Während des Bürgerkrieges sind sie überall hin verstreut worden, nach Harbin, Schanghai, auch auf die Dörfer. Das ist wie heute bei Kriegen, wenn die Front näher rückt“, erklärt der hochgewachsene Zhang. Lange Zeit war das Dorf Heischantou von der Außenwelt abgeschnitten. Es war der letzte Vorposten an der Grenze zur Sowjetunion. Als Ende der 1950er Jahre eine diplomatische Eiszeit zwischen Moskau und Peking einbrach, hat Peking viele der verbliebenen Russen wieder zurück in die Heimat deportiert, andere „wurden in alle Winde verweht“, wie Zhang es nennt. Nur wenige Emigranten und die Kinder aus Mischehen blieben in der Weite der Steppe zurück.

Längst herrscht wieder Tauwetter zwischen beiden Staaten. „Der Grenzübergang Heischantou Kouan öffnete Mitte der 1990er Jahre“, sagt der 57-jährige Zhang. In Kleinbussen und Jeeps passieren seither Russen auf Einkaufstour das Dorf auf dem Weg nach Hailar, dem Zentrum der Region, drei Autostunden weiter südlich. Auch in der Provinz profitieren die Chinesen vom ökonomischen Aufschwung des Landes; einigen Menschen in Heischantou nützt die Anbindung zum Nachbarland zusätzlich. „Das Leben hier ist jetzt viel leichter als früher“, sagt Zhang, der früher in der Landwirtschaft arbeitete.

Vor zwei Wochen hat er mit seiner Frau ein kleines Restaurant mit lokaler Küche aufgemacht. „Kaye“ steht in grellem Rot neben der Tür geschrieben, „Neueröffnung“. Die Wimpel am Eingang leuchten noch in frischen Farben, selbst die sonst fettigen Vorhänge zu den Separees im Restaurant strahlen weiß. Im Hintergrund läuft chinesische Pop-Musik.

„Wir leben von der Dorfkundschaft, doch ab und zu kehren auch Russen ein“, sagt der adrett gekleidete Zhang. Sein Hemd ist so ordentlich gebügelt, als sei auch heute noch der erste Geschäftstag. „Die Russen können nicht mit Stäbchen essen und lassen die Fleischbrocken immer danebenfallen“, sagt Herr Zhang mit einem Lächeln. Trotz seiner grün funkelnden Augen sieht er sich als waschechter Chinese. Dongping, sein Vorname, bedeutet übersetzt so viel wie „östlicher Friede“. Die Gesichtszüge, auch sein Auftreten wirken chinesisch. „Gabeln habe ich für die Russen noch nicht gekauft“, sagt Zhang. Dennoch, auf internationale Kundschaft will er nicht verzichten: „Das Restaurant Landsmann heißt sie herzlich willkommen“, steht neben Chinesisch und Mongolisch auf dem Restaurantschild in Kyrillisch.

Mit dem Ethno-Tourismus wird richtig Geld verdient Weiter westlich an der Dorfstraße von Heischantou wirbt ein kleines Hotel mit einem russischen Varietéprogramm. „Man muss nicht das Land verlassen, um russische Tänze zu sehen“, verspricht das Plakat zweideutig. Im Aushang zeigt ein Foto nackte russische Damenschenkel. Anders als in Manzhouli, Suifenhe und Heihe, den drei großen Städten an der Grenze, ist das Geschäft mit russischen Grenztouristen und wohlhabenden Chinesen aus dem Landesinneren noch kaum entwickelt.

Der Dorfpolizist von Heischantou hält vor seiner Wache Mittagsschlaf. Ein Traktor tuckert langsam über die Hauptstraße. Nur wenige der gut 1.000 Einwohner profitieren bislang von der reisenden Kundschaft. Bislang leben die Menschen am Kopf der Schwarzen Berge, die sich im Norden des Ortes als drohende Kulisse erheben und dem Ort den Namen geben, hauptsächlich von extensiver Viehhaltung und Feldwirtschaft. Rinder, Schafe aber auch Pferde und Esel weiden im Steppengras. „Die Milch der Inneren Mongolei ist im ganzen Land berühmt“, sagt Herr Zhang stolz. Chinesen trinken mehr Milch als noch vor wenigen Jahren: Kürzlich habe in Labudalin, einer schnell expandierenden 70.000-Einwohner-Stadt eine Autostunde östlich, eine Molkerei von Nestlé eröffnet. „Doch davon können die Bewohner von Heischantou allerdings wenig profitieren“, sagt der Restaurantbesitzer.

Zhang lässt sich ungern auf sein russisches Blut ansprechen. Viele Mongolen, aber nur wenige Russen gebe es hier, winkt er ab. Auch auf der russischen Seite sei das nicht anders. „In Schiwei, da leben viel mehr“, sagt Zhang. „Die sehen auch viel russischer aus als ich.“ Tatsächlich leben in der 120 Kilometer nördlich von Heischantou gelegenen Siedlung an der Grenze zu Russland viele Menschen mit auffallend europäischen Gesichtszügen. Das Grün aus Zhangs schmalen Augen blitzt hingegen nur manchmal, wenn er sie vor Erstaunen weit öffnet.

Chinesische Landkarten weisen Schiwei als „Dorf der russischen Minderheit“ aus. „Die Regierung hat die ethnischen Minderheiten seit einigen Jahren für die Tourismusindustrie entdeckt. In Schiwei hat sogar mal ein Kamerateam des Staatsfernsehens eine Reportage gedreht“, sagt Zhang. Inzwischen wird in Schiwei mit Ethnotourismus richtig Geld verdient. In der Hoffnung auf liquide Kundschaft haben dort mittlerweile einige Einheimische ihre spartanischen Holzhütten mit Marmorfußböden auslegen und moderner Haushaltstechnik ausrüsten lassen. Touristen werden mit russischen Tanz- und Musikaufführungen unterhalten. Selbst „lieba“, wie Chinesen russisches Graubrot nennen, können Besucher dort verkosten.

Auch in der Nähe von Heischantou wird mit Minderheitenfolklore Geld verdient. Jedoch sind hier Traditionen der größten Minderheit, der Mongolen, Rahmenprogramm für die Tourismusindustrie. Wenige Kilometer östlich des Dorfes steht eine Zeltstadt im Steppengras. Das Nadamu-Festival lockt jährlich im August zahlreiche Touristen in die entlegene Gegend. Auf eine mehr als 800-jährige Tradition reichen mongolische Wettkämpfe wie Pferderennen, Bogenschießen und Kampfsport zurück. Unweit davon sorgt ein englisch-chinesisches Sprachcamp in den Sommermonaten für interkulturellen Austausch vor pittoresker Kulisse. An der Straße Richtung Hailar reihen sich Jurtenhotels.

Doch auf dem Weg durch die Innere Mongolei trifft man unweigerlich noch auf weniger inszeniertes Leben der ethnischen Minderheiten als in Sommercamps oder bei wiederbelebten Festspieltraditionen. Oft kreuzt Vieh die Straße. Mongolen hüten zu Pferd ihre Herden. Im Sommer leben sie in Jurten draußen in der Steppe. Erst im Winter ziehen sie sich in ihre Dörfer zurück. Bis heute bleiben viele Ethnien auf dem Land unter sich.

Zhang Dongping sieht auch Vorteile durch die Tourismusindustrie. Seine Schwester fährt seit sieben Jahren Taxi. „Im Winter läuft das Geschäft halbwegs, da die Einheimischen nicht mit ihren Motorrädern fahren können“, sagt er. Im Winter, da falle zu viel Schnee. Im Sommer gleichen die Touristen die Flaute etwas aus. Doch die Reisesaison in der Inneren Mongolei ist von Ende Juli bis Anfang September nur kurz.

Dennoch, so richtig versteht Zhang Dongping die Touristen aus dem fernen Peking und Schanghai nicht. Er weiß nicht so recht, warum sie eigentlich kommen: „Was gibt es in Heischantou und in Kouan schon zu sehen“, sagt er und wundert sich über das Interesse für den Grenzübergang und den Minderheitentourismus. Über den Grenzfluss Argun zwischen Russland und China führt eine schmale Brücke. Ein paar Kasernen stehen dort; am Checkpoint verlangen Soldaten der Volksbefreiungsarmee 20 Yuan Eintritt. Noch einmal 50 Yuan kostet die kurze Tour mit einem kleinen Boot – insgesamt rund sieben Euro.

„Das Schiff fährt nur bis zur Flussmitte, dort verläuft nämlich die Grenze“, sagt Herr Zhang. Die Preise steigen jedes Jahr, dennoch reisen immer mehr Touristen in diesen fernen Winkel Chinas. Doch Zhang Dongping, dem Chinesen mit den grünen Augen, ist das ganz recht.

Erschienen in: die tageszeitung

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