Archive for März, 2009

Peking und Moskau proben den Krieg

3. März 2009

Konfrontation zwischen China und der Sowjetunion am Ussuri vor vierzig Jahren

Vor vierzig Jahren standen die Sowjetunion und China am Rande eines Krieges. Die Generalprobe für einen Waffengang fand auf einer kleinen Insel im Grenzfluss Ussuri statt.

Die Insel Damanski im russisch-chinesischen Grenzfluss Ussuri (Wusuli) ist heute nur wenigen Leuten ein Begriff. Anders in Russland und China: Beinahe jeder dort kennt den Namen dieser Flussinsel, die auf Chinesisch Zhenbaodao heisst. Ganz im Osten der längsten Landgrenze der Erde erhebt sich – auf der chinesischen Seite der Fahrrinne – dieses kleine Eiland aus dem gewundenen Flusslauf, umringt von dichtbewaldeten Hügelketten. Abhängig von Jahreszeit und Wasserstand, misst das unbewohnte, ökonomisch wie militärisch uninteressante Stück Sumpf nicht einmal einen ganzen Quadratkilometer. Und während der Schneeschmelze im Frühling verschlingt der Ussuri die Insel beinahe komplett.

Auftakt zu einem grotesken Drama

Vor 1969 kannte selbst in der Sowjetunion oder in der Volksrepublik China kaum jemand diesen vergessenen Flecken Erde, denn immerhin mehrere hundert Inseln zählen die Grenzflüsse Argun, Amur und Ussuri. Nach dem 2. März 1969 war der Name Damanski aber in aller Munde. Eine chinesische Eliteeinheit hatte in den Morgenstunden eine sowjetische Patrouille angegriffen. In einem kurzen Gefecht verloren laut offiziellen Quellen etwa zwei Dutzend Soldaten der Roten Armee ihr Leben. Die Insel war über Nacht zum Nabel der Weltgeschichte geworden. China und die Sowjetunion, so fürchteten viele Beobachter, stünden unmittelbar vor einem Krieg. Knapp zwei Wochen später, am 15. März, folgte die Revanche. Gut gerüstete sowjetische Einheiten schlugen die Truppen der Volksbefreiungsarmee über das dicke Eis des zugefrorenen Flusses in die Flucht, dennoch behielt die Volksrepublik in der Folge die Kontrolle über die Insel und übt sie seither aus.

Was war geschehen? „Brüder auf Ewigkeit” sollten die Sowjetunion und China nach der Unterzeichnung des von Stalin und Mao in zähen Verhandlungen errungenen Friedensvertrags werden. Doch nach der kurzen Liaison zwischen den beiden kommunistischen Giganten in den fünfziger Jahren kam es rasch zu Verstimmungen. Spätestens mit der Rede Nikita Chruschtschews auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956, mit der die Entstalinisierung in der Sowjetunion begann, kündigte sich die diplomatische Eiszeit an. Mao Zedong sah durch die Abkehr vom Führer- und Personenkult beim „Grossen Bruder” nicht zuletzt seine eigene Position in der Heimat gefährdet. Der Coup des 2. März kam nur bedingt überraschend. Zahllose Zwischenfälle an der gemeinsamen Grenze waren seit den frühen sechziger Jahren dem Damanski-Konflikt vorausgegangen. Die beiden März-Gefechte von 1969 bildeten lediglich den Höhepunkt. Das Rammen kleiner Fischerboote, der Einsatz von Druckwasserschläuchen entwickelte sich zur üblichen Abwehrstrategie sowjetischer Grenzschützer gegen chinesische Zivilisten und Soldaten, die sowjetisches Hoheitsgebiet verletzten.

Inzwischen räumen auch respektierte Historiker der Volksrepublik ein, dass der Vorfall des 2. März 1969 auf eine Initiative Chinas zurückgeht – sowjetische Experten hatten an dieser Version nie gezweifelt. Warum aber war Peking an einer Konfrontation mit Moskau interessiert? Auffassungen darüber gibt es wahrscheinlich mehr, als die betroffene Insel Bäume zählt. Die geläufigen Interpretationsmuster sind geopolitischer Natur.

Verschiebungen im Machtdreieck

Im Machtdreieck Washington – Moskau – Peking sollte der Kreml durch eine Annäherung zwischen China und den Vereinigten Staaten in die Defensive gedrängt werden. 1972 besuchte Präsident Richard Nixon Mao, kurz zuvor hatte die Volksrepublik den ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Uno von der Republik China (Taiwan) übernommen. Überdies hatte die Entwicklung der Atombombe den Kommunisten in Peking Mitte der sechziger Jahre zu neuem Selbstbewusstsein gegenüber der Sowjetunion verholfen. Die Truppenstärke der Volksbefreiungsarmee übertraf die der sowjetischen Streitkräfte im Grenzgebiet ohnehin. Ein Durchbruch der chinesischen Armee hätte fatale Folgen für die Sowjetunion gehabt.

Nicht zu verkennen ist ferner der fortwährend schwelende Disput um Territorien, dessen Wurzeln in Zeiten zu suchen sind, als in beiden Staaten noch Monarchen herrschten. Strittig waren Ländereien in Zentralasien und Gebiete im Fernen Osten Russlands, dort vor allem Inseln der drei Grenzflüsse. Peking vertrat damals und vertritt bis heute die Position, dass diese Territorien durch „ungleiche Verträge” an Russland gefallen seien. Zugleich verzichtete die kommunistische Führung aber auf die Rückgabe. Peking ging es lediglich um das Eingeständnis Moskaus, dass es einen Disput um Land gibt. Der Kreml hingegen wollte nichts von einer Kontroverse wissen, da diese Gebiete nicht durch „ungleiche Verträge” erworben worden seien. Moskau fürchtete einen Präzedenzfall, der nicht zuletzt Tokios Position im Streit um die südlichen Kurilen-Inseln gestärkt hätte.

Zurück zu den Ereignissen des März 1969. Weshalb befahl Peking ausgerechnet den Sturm auf eine sowjetische Grenzpatrouille auf dieser unbedeutenden Flussinsel? Warum griffen chinesische Truppen nicht strategisch wichtige Städte an der Grenze an? Wahrscheinlich interessierte sich der Pekinger Führungszirkel gar nicht so sehr für verlorenes Areal. Anders gesagt: Es ging nicht um Sieg und Niederlage in einem grossangelegten Krieg. Vielmehr scheint diese kümmerliche, von Schlamm überzogene Insel mit Bedacht von Peking als Bühne für ein perfides Kriegsspiel auserwählt worden zu sein, um der sowjetischen Führung den begrenzten wie beherrschbaren Charakter der Aktion zu demonstrieren. Was also war das Motiv für die Aggression? Was waren die Folgen?

Stärkung der inneren Einheit als Ziel

Wahrscheinlich ist die Ursache für den Angriff vornehmlich im Inneren Chinas zu suchen. Die Kulturrevolution war am Abend des Jahres 1968 in eine für Mao heikle Sackgasse geraten. Und der „Grosse Steuermann” griff nach der bewährten Formel für Einheit – dem Kampf gegen den (in diesem Falle sowjetischen) Imperialismus. Diese Meinung teilen heute auch chinesische Wissenschafter wie der am Pekinger Institut für moderne Geschichte arbeitende Historiker Yang Kuisong. „Die sino-sowjetischen Militärkonflikte waren in erster Linie ein Resultat der innerchinesischen Mobilisierungsstrategien Maos, die mit dessen Sorgen über den weiteren Verlauf der Kulturrevolution zusammenhingen”, meint der Historiker. Der dosierte Einsatz des Militärs diente folglich dem politischen Zweck der Einigung von Partei und Volk.

Was immer der entscheidende Faktor für diesen seltsamen Angriff gewesen sein mag, so kam dieser zeitlich und geografisch für die Sowjetunion äusserst ungelegen. In der Tschechoslowakei war die Lage nach dem Prager Frühling gerade erst wieder unter Kontrolle. Überdies traf die Attacke die Sowjetunion an einer heiklen Stelle. Der Ferne Osten blieb auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts strukturschwach und verwundbar. In Moskau war man, als sich die Lage zuspitzte, eilig bemüht, die militärische Präsenz an der fernöstlichen Peripherie aufzustocken. Ende der sechziger Jahre soll ein Drittel aller Divisionen dort konzentriert gewesen sein.

Die Transsibirische Eisenbahn, jene Arterie, die Chabarowsk, Wladiwostok und andere wichtige Städte mit dem Herzland verbindet, verläuft über Hunderte von Kilometern in unmittelbarer Nähe zu China. Das erklärt die fieberhaften Bemühungen Moskaus, den Aufbau der gut 3800 Kilometer langen Baikal-Amur-Magistrale voranzutreiben. Das bereits in den dreissiger Jahren diskutierte Infrastrukturprojekt wurde nun – als Alternative für den Ausfall der Transsibirischen Eisenbahn im Kriegsfall – unter immensen Kosten durch die Taiga getrieben. Mit einer Eisenbahn Hunderte von Kilometern nördlich des existierenden Trassees wähnte man die Region besser gewappnet im Falle eines chinesischen Zugriffs. Ebenso rüstete sich die Volksrepublik für den Ernstfall. Abertausende von Chinesen waren in den Bau von Bunkeranlagen in Städten des Grenzgebiets involviert. Die ausgemusterten Lebensmittellager, Schlafsäle und Spitäler dienen heute vielerorts als unterirdische Konsumtempel.

Obschon der über Jahre zündelnde Konflikt Dutzende, vielleicht Hunderte von Menschenleben forderte, so ist der entscheidende Moment dieses Antagonismus retrospektiv betrachtet nicht in militärstrategischen Überlegungen oder geopolitischen Machtspielen zu suchen. Der Kern der Akte „Damanski” ist ein anderer. Es ist der intrigante Kampf mit Bildern und Worten, der das Blutvergiessen auf beiden Seiten des Ussuri rechtfertigen sollte. Die ersten Schüsse waren kaum verhallt, da blies man in den Redaktionen sowjetischer wie chinesischer Zeitungen bereits zum Halali. Die „Renmin Ribao” hetzte mit Parolen wie „Nieder mit dem neuen Zaren” gegen den Feind, die „Prawda” bejubelte die „Helden von Damanski”. Dass es keine Helden zu feiern gab, blieb ein Staatsgeheimnis.

Wie die allermeisten Sowjetbürger erfuhr Alexander Tarasow erst spät die Hintergründe des März 1969. Dabei ist Tarasows gesamtes Leben mit dem Reich der Mitte eng verwoben – erst als Schüler einer Chinesisch-Sprachschule, später als Zollbeamter an vorderster Front und dann als Publizist. Tarasow erinnert sich heute, wie antichinesische Propaganda und der Damanski-Mythos seine Kindheit und Jugend prägten. Der Mann aus Tschita ging in die zweite Klasse; bald nachdem die ersten Schriftzeichen gepaukt waren, kam der März 1969.

Die Lehrer in der Schule hätten noch von einem Land der Hochkultur geschwärmt. Nach dem Unterricht habe die Schulleitung dann aber die Sieben- und Achtjährigen durch eine eilig aufgebaute Ausstellung des Militärmuseums des Transbaikalischen Wehrkreises führen lassen. „Ein ganzer Saal war den März-Ereignissen gewidmet: Überdimensionierte Fotografien, auf denen Leichen sowjetischer Grenzschützer abgebildet waren. Der Tod auf den Gesichtern und die Körper entblösst, damit wir die Wunden und das geronnene Blut besser sahen”, sagt Tarasow heute. Passend dazu seien die Kommentare des Museumsangestellten gewesen, der von betrunkenen Chinesen gesprochen habe, die wie Banditen sowjetische Grenzpatrouillen abgeknallt, ihnen dann die Augen ausgekratzt und die Nasen abgeschnitten hätten.

Dass eine Diktatur Symbole und Mythe benutzt, die sie legitimieren, ist kein Novum. Ein Konflikt mit dem nördlichen Nachbarn war für Peking ein probates Mittel, um einen innerchinesischen Irrweg durch eine populistisch-nationale Berauschung zu sprengen. Das Sowjetregime wiederum griff für seine innenpolitischen Ziele auf antichinesische Rhetorik zurück. Das Schreckgespenst der „gelben Gefahr” zauberten Propaganda-Experten von neuem aus der Mottenkiste. Die Insel Damanski am Rand des sowjetischen Imperiums avancierte damals zum Sinnbild für die sinophobe Einstellung des Sowjetmenschen gegenüber China.

Täuschung durch die Obrigkeit

Wer heute das etwas muffige Kriegsmuseum im Zentrum von Tschita aufsucht, betritt eine Zeitschleuse, die den Gast in die Breschnew-Ära zurückkatapultiert. Matte Vitrinen, abgelaufenes Parkett, Wandtafeln, mit rotem Samt bespannt und mit Pappbuchstaben beklebt. Farn wie Palmen zieren die Säle. Jenen Teil der Ausstellung, der die Kindheitserinnerungen Tarasows auch nach vier Jahrzehnten wachhält, wird der Besucher indes vergebens suchen. Moskau und Peking haben das Kriegsbeil begraben, offiziell herrscht Freundschaft zwischen den beiden Völkern. Das Jahr 1969 ist mit keinem Wort erwähnt. Vermutlich gab es eine ähnliche Museumspädagogik auf der anderen Seite der Grenze. Einige Museen in China jedenfalls, prominent ist das Pekinger Militärmuseum, stellen verrostete Panzer und andere Trophäen von der Insel zur Schau. Im Übrigen ist der Ton sachlich geworden.

Obwohl die meisten Beuteexponate längst in den Speichern verschwunden sind, erweist sich der damals in der Sowjetunion und China kultivierte Hass als ein Produkt von hoher Halbwertszeit, zumindest unter den älteren Generationen der beiden Völker. Damanski/Zhenbaodao ist mehr als eine ferne Insel am Schnittpunkt zweier Imperien, wo der Sibirische Tiger mitunter noch anzutreffen sein soll. Für Alexander Tarasow ist sie ein Fanal: „Der Mythos Damanski, sofern er existiert, ist der Schlüssel zu uns selbst, zerrissen zwischen dem Wunsch, sich an den Helden der Kindheit zu erbauen, und dem schalen Gefühl des Wissens um die Täuschung durch die Obrigkeit. Wir tappen bis heute in jene psychologische Falle, die ausgelegt ist zwischen der Loyalität dem eigenen Staate gegenüber und dem Streben nach rationaler Vergegenwärtigung dieser vierzig Jahre zurückliegenden Ereignisse.”

Russischer Imperialismus

Damanski ist freilich bloss eine Narbe einer tiefer liegenden Zwietracht. Ein Blick auf die Geschichte der russisch-chinesischen Beziehungen offenbart, dass es mit der Freundschaft nie weit her gewesen ist. Der Vertrag von Nertschinsk aus dem Jahr 1689 legte erstmalig den Grenzverlauf zwischen den transbaikalischen Gebieten des russischen Imperiums und dem als Mandschurei bekannten Nordosten Chinas fest. Dem Abkommen waren Konfrontationen zwischen Kosaken des Zarenreichs und Truppen des chinesischen Qing-Imperiums vorausgegangen. Russland setzte sich Mitte des 19. Jahrhunderts über den Vertrag hinweg, als es mit einer militärischen Expedition in das linksufrige Amur-Gebiet vorstiess. St. Petersburg ergriff damals mit Hilfe eines militärischen Bluffs Besitz von grossen Landstücken nördlich des Amur und östlich des Ussuri-Flusses. Die Taiping-Rebellion und eine Intervention französischer und britischer Truppen im Reich der Mitte hatten die Position Chinas geschwächt. Nikolai Murawjow-Amurski, der russische Eroberer der fernöstlichen Weite Russlands, wird seither als ein Nationalheld verehrt.

Das Zarenreich verfolgte auch in den nächsten Jahrzehnten eine imperialistische Politik gegenüber dem bevölkerungsreichen Nachbarn und griff immer weiter über die eigenen Grenzen hinaus. Der Bau eines Teilstücks der transkontinentalen Transsib – einer de facto russischen Eisenbahn – quer durch die Mandschurei, die Keimzelle der letzten chinesischen Dynastie, war eine weitere Schmach für China. Nach der Niederschlagung des Boxeraufstands im Jahr 1900 folgte die Okkupation der Region durch russische Truppen, die für eine kurze Dauer in der Schaffung eines „Staats im Staate” resultierte. Und entscheidende Schlachten des Russisch-Japanischen Kriegs 1904 und 1905 wurden auf ebendieser chinesischen Erde ausgefochten.

Nach den Revolutionen von 1917 gab sich die bolschewistische Führung in Moskau zwar ein antiimperiales Antlitz, das aber nur von geringer Dauer war. Die Sowjetunion trat rasch in die Fussstapfen des Zarenreichs und machte erneut Einfluss geltend. Stalins diplomatischer Triumph in Jalta schliesslich umfasste die Wiederherstellung der Situation des Jahres 1904 in der Mandschurei.

Freunde bis auf Widerruf

So ist der März 1969 nur eine Station auf dem steinigen Beziehungspfad, den die beiden Länder seit drei Jahrhunderten beschreiten. In den letzten zwanzig Jahren wurden viele Barrieren aus dem Weg geräumt. Unter Michail Gorbatschew und Deng Xiaoping entspannten sich die Beziehungen, viel Kriegsgerät wurde abgezogen. Boris Jelzin und Jiang Zemin beschlossen eine strategische Partnerschaft, die Putin 2001 vertraglich zu einer Freundschaft aufwertete. Die Ära Medwedew und Hu Jintao schliesslich schaffte die Demarkierung letzter strittiger Abschnitte der Grenze.

Dennoch: Chinas neutrale Haltung im Abchasien-Konflikt und Russlands Weigerung, eine Erdölpipeline nach China zu bauen, offenbaren exemplarisch, dass die allseits bekräftigte Partnerschaft ihre Grenzen kennt. Oft war eine für beide Seiten nützliche Kooperation nicht mehr als eine flüchtige Liebschaft, die, wenn der Vorteil nicht länger einer war, jäh endete. Ist es also töricht zu fragen, ob der Fall Damanski sich irgendwann einmal wiederholen wird? Dem dieser Tage häufig von offizieller Stelle bemühten Logo eines sich umarmenden Panda-und-Braunbär-Paars zu verfallen, ist gewiss fahrlässig. Das lehrt uns die Geschichte.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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