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Wie ein Fisch im Wasser

18. April 2011

Zhang Yongjin alias Juri Iwanowitsch ist ein Russe, der doch Chinese bleibt

Von der russischen Grenzstadt Blagoweschensk liegt China nur einen Steinwurf weit entfernt. Immer mehr Chinesen lassen sich dort nieder. Viele lernen die Sprache, machen Geschäfte und heiraten. Manch einer erhält sogar die russische Staatsbürgerschaft. Zu einem Russen wird er deshalb noch lange nicht.

Zhang Yongjin beugt sich über sein Aquarium. Die Augen folgen dem Fisch. „Der ist mein Vorbild, der schwimmt immer hin und her. Schauen sie, er wie ruhig er seine Bahnen zieht!“ Wie ein Kind über Stunden, vergisst Zhang für ein paar Sekunden alles um sich herum. Die schmalen Augen begleiten aufmerksam das große Schuppentier. Die Pumpe surrt leise, blubbernd steigen Blasen auf. Ein seltener Moment der Ruhe. Herr Zhang versucht es diesem Fisch gleich zu tun. Von einem Ufer ans andere strebend ist er auf beiden Seiten des Amur zu Hause. Im russischen Vorposten Blagoweschensk wohnt der Chinese, dessen Heimat Russland heißt. Doch ebenso von Heihe in China kommt der Mann nicht los.

Einen Augenblick später ist der Zierfisch vergessen. Herr Zhang ist wieder Chef, der kindliche Blick ist einer ernsten Mine gewichen. Er nimmt an der Stirnseite des auslandenden Konferenztisches Platz. Zhang sitzt gerne dort, die Holzkante an der schmalen Seite ist abgewetzt. Das Telefon klingelt, auf dem Konferenztisch vibriert ein Handy. An beiden Apparaten gleichzeitig regelt Herr Zhang seine Geschäfte. Auf dem linken Ohr eine Lieferung aus China. Sobald er Chinesisch redet, wird aus Juri Iwanowitsch Herr Zhang. Sein Bass ist plötzlich impulsiv, laut. Sein rechtes Ohr erduldet derweil einen russischen Anrufer. Nun ist es wieder Juri Iwanowitsch, der irgendein Angebot ablehnt. Die russischen Konsonanten sind selbst nach zwei Jahrzehnten weich wie Seide geblieben.

„Inzwischen bin ich eher Russe als Chinese. Hier kenne ich die Spielregeln”, sagt Zhang Yongjin. Sein chinesischer Vorname bedeutet „ewiges Gold”. „Ich bin zwar recht erfolgreich, aber es gibt reichere Chinesen in der Amur-Region.” Zhang, Jahrgang 1960, mimt den Bescheidenen. Er war vieles in einem halben Jahrhundert Grenzgänger-Leben: Bauarbeiter, Dollar-Millionär, Knastbruder, Familienvater.

Der Weg zum Büro ist verwinkelt, so wie das Leben des Herrn Zhang. Sein Kontor liegt im zweiten Stock eines Hinterhauses in der Gasse des Heiligen Innokent, mitten im Stadtzentrum von Blagoweschensk. Kein Türschild weist den Weg, doch Überwachungskameras säumen ihn. Wer das Büro des Zhang Yongjin betritt, der weiß, dass dieser Mensch sich zu präsentieren weiß. Zwei Porzellanvasen zieren den Parkettboden, ein Schiff aus Bernstein ankert in einer Vitrine.

Bis nach Europa, fast

Zhang ist freundlich, dennoch wahrt er skeptisch Distanz. Er ist ein Mann mit akkuratem Seitenscheitel und Krawatte, einzig die Sonnenbrille in der Sakkotasche irritiert. Die lokale Presse habe schon viel geschrieben, versucht Zhang abzuwimmeln. Offenbar nicht immer positiv. Erst nach und nach gibt er mehr von seinem Leben Preis. Am Tag zwei, ganz unverhofft, wird der Gast aus dem fernen Europa per SMS abends nach Hause eingeladen. „Ich schicke meinen Sohn Andrej. Warten sie um acht Uhr vor dem Hauptpostamt.” Der Buick schaukelt uns in einen Vorort. Hinter der getönten Fensterscheibe tun sich kleine Holzhäuschen auf. Blagoweschensk zählt gut zweihunderttausend Einwohner, doch diese niedrigen Vorstadtsiedlungen, sie wollen einfach kein Ende nehmen. Die Limousine biegt ein in die „Straße der Arbeit”. Per Fernbedienung öffnet Andrej das elektrische Tor. Eine hohe Mauer aus Planken verschluckt den Wagen. Wachhunde bellen. Das unverputzte Haus zählt drei Stockwerke, überragt selbst die Kapelle nebenan.

Mitte der achtziger Jahre wurde aus Zhang Yongjin Juri Iwanowitsch. Als einer der ersten Chinesen ist er in die Sowjetunion gekommen. Damals waren die Beziehungen zwischen Peking und Moskau noch unterkühlt. Zhangs erste Station hieß Magadan. In diese Stadt an der See von Ochotsk brach kein Sowjetmensch freiwillig auf. Stalin schickte Abertausende zur Zwangsarbeit nach Magadan und weiter in die Lager an der Kolyma. Wenige nur kehrten zurück „aufs Festland”, wie es damals hieß. In einer Brigade von 25 Mann, allesamt Chinesen, arbeitete Zhang in einer auf Hühnerzucht spezialisierten Sowchose. „Wir schufteten wie Tiere. Feiertage gab es nicht. Doch wir haben gut verdient.”

Herr Zhang bittet ins Haus. Man sitzt gemeinsam um den Küchentisch. Wenn Zhang redet, erwartet er weder Mitleid, noch Anerkennung. Statt dessen wird erwartet, dass der Gast von den riesigen Pampelmusen probiert. „Nur in China, nirgendwo sonst auf der Erde geraten sie so groß.” Anders als das Büro der Firma ist Zhangs Haus kein repräsentativer Ort. Ein Energiesparlampe scheitert bei dem Versuch, die Küche auszuleuchten. Draußen im Flur steht eine Parade aus Plastikschlappen, Straßenschuhen und Gummistiefeln. Kindergrößen überwiegen. Wer wohnt bloß alles in dem Haus?

Zhang Yongjin traf Marina in Magadan. Ihr gemeinsamer Sohn erblickte dort das Licht der Welt. Bei der heute 22 Jahre alten Tochter Mascha ist bereits Swerdlowsk als Geburtsort im Pass vermerkt. So hieß Jekaterienburg am Ural damals noch, Zhangs zweite Station auf seiner „Tour de Russe”. Statt mit dem Hühnervieh arbeitete Zhang nun auf dem Bau. Zwei Jahre später zogen sie nach Blagoweschensk am Amur. „Ich wollte meine Eltern in der Nähe wissen”, sagt er. Mutter und Vater lebten damals in Dandong an der Grenze zu Nordkorea, Zhangs Heimatstadt. Er mietete im chinesischen Heihe eine Wohnung für die Eltern, gegenüber von Blagoweschensk am anderen Flussufer.

Es herrschte Goldgräberstimmung am Amur. Mit einigen chinesischen Partnern gründete er die Firma „Heilongjiang” – „Fluss des schwarzen Drachen”, so heißt der Amur auf Chinesisch. „Wir haben damals alles verkauft, womit sich Geld verdienen ließ: Obst, Fernsehapparate, Präservative. Als mit der Sowjetunion die Planwirtschaft zusammenbrach und die subventionierten Frachttarife wegfielen, war der Ferne Osten plötzlich isoliert”, erklärt Zhang. Bald kaufte Zhang die Anteile der übrigen Miteigentümer auf. Einmal zu Geld gekommen, erwarb er in Blagoweschensk erste Immobilien.

Herr Zhang führt durchs Haus. Die Treppe hinauf geht es in den ersten Stock. Pastellrot und blau sind die Wände mit Ölfarbe getüncht. Die Schritte hallen, so leer ist das Haus. Zimmer für Zimmer zeigt Zhang nun, zu wem all das Schuhwerk gehört. Neun Kinder, das jüngste hängt noch an der Brust. Nur die beiden Ältesten, Andrej und Mascha, sind das Ergebnis der russisch-chinesischen Liaison. Die übrigen haben eine chinesische Mutter. Zwei Frauen um die dreißig sitzen in einem der Zimmer und grüßen schüchtern. „Sind sie…?” Zhang Yongjin schweigt. Viele Kinder bedeuten Glück, lautet ein Sprichwort in China. Die Ein-Kind-Politik gelte, Gott sei Dank, nur jenseits des Amur.

Herr Zhang, so scheint es, will leben ganz und gar. Er weiß, wie „ganz unten” sich anfühlt. 1995 wird er, der „reiche Chinese Juri” verhaftet. In der Strafkolonie in Tachtamygda im Nordwesten der Amur-Provinz sitzt er anderthalb Jahre lang als ein Chinese unter vielen Russen ein. Wofür? Zhang überlegt kurz. „Sie finden einen Grund, wenn du zu viel besitzt.” Zhang besaß zu viele Häuser in der Stadt. Die Firma ging Bankrott, fast alles verlor er damals.

Frühjahr 1997. Andrej, Mascha und seine Frau erwarten ihn vor dem Gefängnistor. Zwei Wohnungen waren alles, was der Familie blieb. Zhang fing von vorne an. Bald nach der Entlassung ging die Ehe zu Bruch. Die Wohnung im Zentrum überließ er seiner geschiedenen Frau. Die andere Immobilie verkaufte Zhang und ließ eine neue Firma mit dem Namen „Amid” ins Handelsregister eintragen. Die wilden Jahre waren da schon vorbei. Der Handel mit chinesischen Artikeln lief nicht mehr so leicht. Die Menschen in Blagoweschensk waren inzwischen wählerischer beim Kauf der „Made in China”-Ware. Die Geschäfte der Stadt waren längst privatisiert, unter Russen aufgeteilt. Herr Zhang, obwohl er juristisch Staatsbürger Russlands ist, war dennoch kein „Russe”. Schlimmer noch, Schikanen gegen Chinesen nahmen zu. Vertrieben wurden sie von den Märkten. Zhang begriff das Unglück der kleinen Händler aus China als Chance. Er mietete ein altes Stadthaus im Zentrum an und ließ das Erdgeschoss zu einer Markthalle ausbauen.

Der Chef ist Russe, auf dem Papier

Am nächsten Morgen zeigt Zhang die Geschäfte in der Markthalle. Geruch von Plastik hängt in der Luft. Gleich neben dem Eingang der Schumacher. Dahinter ein Kosmetikladen und ein Stand mit Mobiltelefonen. Inzwischen betreibt er noch drei weitere Markthallen in der Amur-Provinz: in Swobodni, Magadatschi und in Tynda, weit im Norden. Doch die Firma „Amid” ist mehr als die Summe ihrer Markthallen. Ein paar Gewächshäuser besitzt Zhang außerdem in Tambowka und draußen vor der Stadt betreibt er im Sommer noch eine Ziegelei. „Dann arbeiten vierzig Russen und achtzig Chinesen dort.”

„Das Geschäftsprinzip der Markthallen ist simpel”, erklärt Zhang. Da die Chinesen nur maximal für die Dauer ihres Visums, also ein Jahr, draußen auf dem Stadtmarkt arbeiten könnten und ständig den Schikanen ausgesetzt seien, pachteten sie im „Amid” einen Stand. „Bei mir fangen sie nicht jedes Jahr von vorne an.” Tatsächlich, einige der Verkäufer sind Chinesen. Jedoch überwiegen Russinnen hinter den Tresen. Dennoch sei die Mehrzahl diese Stände in der Hand chinesischer Subunternehmer, versichert Zhang. „Manche Pächter bezahlen russische Angestellte. Die Betreiber wohnen in Heihe und schauen ab und zu nach dem Rechten. Das Jahresvisum ist so kein Thema mehr. Die Geschäfte liefen oft besser, da russische Käufer russischen Händlern eher trauen”, erklärt Zhang.

Ein Stockwerk über der Markthalle betreibt Herr Zhang ein Restaurant namens „Amdina”. Der Koch ist ein Chinese aus Harbin, das Essen eine gelungene Melange aus sibirischer und nordchinesischer Küche. Die Gäste speisen in den in China typischen Separées, doch grün getünchte Wände, glitzernde Tischdenken und die wohl nie verstummende Stimme der Alla Pugatschowa erinnern daran, dass wir in Russland sind. Zhang ist im „Amdina” mit einem Mann verabredet, der sich als Oleg Petrowitsch vorstellt. Er nennt ihn scherzhaft „Boss”. Offiziell nämlich ist Oleg Besitzer der Markthalle von Blagoweschensk. Obwohl Zhang längst russischer Staatsbürger ist, haben die Markthallen auf dem Papier jeweils einen russischen Chef. „Übliche Praxis hier”, sagt Zhang. „Oleg ist das Gesicht der Firma.”

Zum Mittag serviert die Kellnerin Manty, die großen sibirischen Teigtaschen. Herr Zhang drängt, vom teuren chinesischen Schnaps zu probieren. Er selbst bestellt eine Limonade, vor Jahren schon hat er dem Alkohol abgesagt. „Wenn du nicht mehr trinkst, lebst du gesund. Du hast aber rasch keine Freunde mehr.” Sein „Chef” Oleg Petrowitsch, der keine Brause trinkt, löse nur manche Probleme, verrät Zhang später. Er will die Dinge nun genau erklären. „‹Sie› legen mir nicht unbedingt Steine in den Weg, weil ich ein Chinese bin. Hier geborene Geschäftsleute haben genauso Probleme”, sagt Zhang. Die gesamte politische Elite nutze ihre Macht, um die Konkurrenz auszustechen. Das Amt sei ein Vehikel zur Sicherung der ökonomischen Position. Die eingesetzten Mittel, die seien durchaus kreativ. Der frühere Gouverneur etwa habe während seiner Regierungszeit eine „Stiftung” gegründet. „Alle Geschäftsleute der Provinz sollten spenden.” Natürlich seien diese „Abgaben” freiwillig gewesen. Doch säumige Zahler hätten Probleme bekommen. „Meist mit dem Brandschutz”, sagt Zhang. Spätestens als die Inspekteure kamen, hätten fast alle gezahlt. Mit dem gesammelten Stiftungskapital habe der damalige Gouverneur dann sein eigenes Business zum Blühen gebracht.

Nach dem Mittagessen fährt Zhang zur Grenze. Er parkt den Wagen, die Sonnenbrille verschwindet in der Sakkotasche. Nach „drüben” eilen wir durch den VIP-Bereich, ohne Warteschlange an den Kontrollen. Die Grenzbeamten grüßen freundlich, winken Zhang beinahe durch. Jetzt im Winter erfolgt die Überfahrt per Bus über den zugefrorenen Strom. Im Frühjahr und Herbst sind Luftkissenboote eingesetzt. Im Sommer verkehren Fährschiffe. Der Grenzübertritt könnte noch schneller gehen, gäbe es eine Brücke. Die Chinesen würden den Bau komplett finanzieren, doch Russland zögert. So benötigt Herr Zhang zwei Autos.

In Heihe rollen wir durch eine andere Welt. „Schauen Sie, die Häuser sind alle neu. Vor zwanzig Jahren war Heihe ein Dorf.” Doch obschon Heihe heute heller strahlt als Blagoweschensk, sei in Chinas Grenzstadt nicht alles Gold, was glänzt. Freilich gäbe es hier ebenso Korruption, räumt Zhang ein. „Doch immerhin lassen die Politiker hier den Menschen eine Chance auf ein besseres Leben.” Noch nach einem Vierteljahrhundert Russland ist Herr Zhang ein chinesischer Patriot geblieben.

Neubau an der Uferstraße, Pförtner am Eingang, fünfter Stock. Vom Balkon geht der Blick auf den Amur. Letztes Jahr erwarb Herr Zhang für seine Mutter diese Eigentumswohnung. Sein Vater, der Offizier der Volksbefreiungsarmee, hat das alles nicht mehr erlebt. Die Mutter wohnt nun gemeinsam mit seiner Schwester und einer Haushälterin. Das Wohnzimmer ist im chinesisch-bürgerlichen Stil: wuchtige Sitzmöbel aus Leder und eine Schrankwand mit Mahagoni-Furnier. Ein großes Aquarium trennt die offene Küche ab.

Wieder steht Zhang davor, tippt mit einem Finger gegen das Glas. Statt eines einzelnen Zierfischs tummeln sich im Becken viele Schmetterlingsbuntbarsche, Neonfische und anderes kleines Schuppengetier. Ob er zurück möchte? „Zurück nach China?” Zhang schweigt. Sein Blick folgt einem Fisch.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung


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