Die Chiffre „9/18”

16. September 2011

Wie die popularisierte Erinnerung an die japanische Besatzung als Triebkraft des chinesischen Nationalismus dient

Am 18. September jährt sich der Überfall Japans auf die zu China gehörende Mandschurei zum achtzigsten Mal. Der Gedenktag ist zeitgleich ein Spiegel der Geschichtspolitik im heutigen China.

Der 18. September ist in der Volksrepublik China ein wichtiges Datum der Erinnerung an die Untaten der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Alljährlich wiederholt sich das gleiche Zeremoniell. In den nordöstlichen Provinzen des Landes heulen vielerorts morgens um 9 Uhr 18 für drei Minuten die Sirenen auf. Schulkinder pilgern im Klassenverband in Widerstandsmuseen und Gedenkstätten, und das Staatsfernsehen strahlt patriotische Spielfilme aus. Es ist jedoch kein ausschliesslich „von oben“ diktiertes Ritual. Blogger unterstützen freiwillig die Regierung, wenn sie in Online-Foren nationalistische Hetzeinträge gegen den einstigen Aggressor Japan schreiben.

Der grosse Krieg in Asien begann früher als in Europa. Im Herbst 1931 überrannte die japanische Kwantung-Armee, die ursprünglich für den Schutz der von Japan kontrollierten Südmandschurischen Eisenbahn zuständig war, den Nordosten und gründete Monate später den Marionettenstaat Mandschukuo. Nach einem Feuergefecht am 7. Juli 1937 an der ausserhalb Pekings gelegenen Marco-Polo-Brücke weitete sich der Kriegsschauplatz aus. Die Kaiserlich-Japanische Armee okkupierte innerhalb nur eines Jahres weite Teile Chinas. Spätestens mit dem japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 mündete der Sino-Japanische Krieg endgültig in den Zweiten Weltkrieg in der Asien-Pazifik-Region. So schnell, wie die japanischen Truppen entlang von Hafenstädten, Bahnlinien und Strassen vorgestossen waren, so rasch kam 1945 das Ende. Viele Historiker hüten sich vor einer Präzisierung der Opferzahlen, doch Schätzungen gehen von bis zu zwanzig Millionen chinesischen und knapp drei Millionen japanischen Kriegstoten aus.

Unermessliches Leid

Heute ist der 18. September ein zentrales Datum im Gedenkkalender der Volksrepublik. Was als der „Mandschurische Zwischenfall” in die Geschichtsbücher einging, begann mit einer kleinen, von einem japanischen Offizier an der Eisenbahnstrecke nahe Shenyang deponierten Ladung Dynamit, die es nicht vermochte, den herannahenden Zug zum Entgleisen zu bringen. Die Schuld für die Explosion gab die Kaiserlich-Japanische Armee chinesischen Saboteuren. Es war ein Vorwand für die rasch darauf folgende Einnahme der nordöstlichen Provinzen Chinas und eine rund vierzehn Jahre währende japanische Besatzung – begleitet von einer Vielzahl bis dahin in Ostasien unbekannter Kriegsverbrechen.

Der Chinesisch-Japanische Krieg – der zweite nach dem für Japan siegreichen Waffengang von 1894/95 – ist freilich mehr als die Liste seiner Daten und die Summe seiner Opfer. Der bis heute im Gedächtnis vieler Chinesen lebendige Höhepunkt des unermesslichen Leids ist zweifellos das Massaker von Nanjing im Winter 1937/38, bei dem bis zu 300 000 Menschen ihr Leben verloren. Dieses Verbrechen fand mehr als tausend Kilometer südlich statt, indes war der Nordosten insgesamt stärker als andere Regionen Chinas vom Krieg betroffen. Hier experimentierten die Schergen des Tennos mit biologischer Kriegsführung, zudem dauerte die Besatzung sechs Jahre länger als anderswo. Auch war der Widerstand der Bevölkerung vehementer als in den meisten Regionen des Landes.

Aufgrund dieser Umstände entstand in Shenyang – neben Peking und Nanjing – eines der drei wichtigsten Museen der Volksrepublik, das an den Krieg erinnert. Das wuchtige Portal des vor wenigen Jahren neu hergerichteten Museums des 18. September im Norden der Millionenstadt lässt jeden Besucher sich klein vorkommen. Hinter einem ausladenden Vorplatz erhebt sich das achtzehn Meter hohe Steintor in Kalenderform. Auf ihm mahnt eine Inschrift aus vier grossen Schriftzeichen: „Vergesst niemals die Schande nationaler Erniedrigung.” Die über neuntausend Quadratmeter grosse Ausstellungsfläche im düsteren Inneren ist in sieben Teile gegliedert. Sie illustriert mit bisweilen unorthodoxen Methoden den raschen imperialen Aufstieg Japans zur Hegemonialmacht Asiens, den Ablauf und die Folgen des „Mandschurischen Zwischenfalls” von 1931 und die Okkupation der Mandschurei. Weitere Säle dokumentieren die nach 1937 erfolgte Ausweitung des Kriegs auf das China südlich der Grossen Mauer und die an der Zivilbevölkerung begangenen Kriegsverbrechen.

Ein grosser Teil der Schau ist der Widerstandsbewegung gewidmet. Besucher werden mit zahlreichen opulenten Ölgemälden und Fotos eingestimmt, um dann zum Höhepunkt lebensgrosse Wachsfiguren von heroischen Soldaten der chinesischen Widerstandsarmee zu bestaunen, die sich konspirativ in einem Wald aus Plasticbäumen treffen. Das Ende der Ausstellung thematisiert die Normalisierung der Beziehungen zu dem einstigen Kriegsgegner nach 1972. Viele Aspekte, etwa die durchaus verbreitete Kollaboration mit den Besatzern, bleiben hingegen ausgeblendet.

Suche nach neuem Kitt

Anders als der Grosse Vaterländische Krieg gegen Nazideutschland in der Sowjetunion war der Krieg gegen Japan in China lange Zeit keine Quelle patriotischer Inspiration. In den ersten drei Jahrzehnten der Volksrepublik spielte der Kampf der dreissiger und vierziger Jahre kaum eine Rolle, vielmehr schwieg das ganze Land unter Mao über viele Aspekte des furchtbaren Krieges. Allgegenwärtig war indes die Teleologie des unvermeidlichen Sieges der Kommunisten gegen die äusseren und inneren Feinde, allen voran die chinesischen Nationalisten unter Tschiang Kai-schek. Lange erinnerte in Shenyang lediglich eine recht unscheinbare Gedenkstele an den „Mandschurischen Zwischenfall”. Erst seit Mitte der neunziger Jahre gedenken die Menschen in Shenyang und anderen Städten der Mandschurei einmal im Jahr mit Sirenen und mit Autohupkonzerten der Demütigung. Das 1999 in Shenyang eröffnete Museum steht somit symptomatisch für die Erinnerungskultur im ganzen Land und offenbart das gegenwärtig in China popularisierte Geschichtsbild.

Erst die Reformen nach 1978 und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 zwangen die Regierung und die Öffentlichkeit, sich dem schlimmsten Kriegstrauma zuzuwenden, das über Asien im 20. Jahrhundert hereingebrochen war. Der legendäre Modellarbeiter Lei Feng, der glorifizierte Lange Marsch und eine Reihe kommunistischer Mythen, die lange als ideologische Leitbilder galten, vermochten nunmehr kaum noch, die Massen zusammenzuschweissen. Die Pekinger Ideologen begaben sich auf die Suche nach einem neuen Kitt, der die auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenhalten und zeitgleich dunkle Kapitel des „neuen China” vergessen machen sollte.

Der Startschuss für den Schwenk in der Geschichtspolitik fiel mit einer politisch sanktionierten akademischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand vor über zwanzig Jahren. Auf die Veröffentlichung erster Dokumentensammlungen folgten rasch wissenschaftliche Publikationen, die konform zur politischen Leitlinie waren. Sie öffneten die Schleuse für eine an ein Massenpublikum gerichtete Populärgeschichte, begleitet von Museumsneubauten, Spielfilmen, Seifenopern, Websites und Mikroblogs. Die Erinnerung an den Sino-Japanischen Krieg avancierte so zur Triebkraft eines neuen chinesischen Nationalismus, der den patriotischen Gegenpol zu jenen innerchinesischen Kräften darstellte, die zu den Konfrontationen von 1989 geführt hatten, und fortan rhetorisch jedweden Separatismus im Keim ersticken sollte.

Wer verstehen will, weshalb im heutigen China die Erinnerung an den Krieg einen weit höheren Stellenwert als noch vor dreissig, vierzig Jahren hat, der muss auch die geopolitische Grosswetterlage im Blick behalten. Die Suche nach einer legitimen Ideologie, nachdem die Sowjetunion und die marxistischen Regime Osteuropas kollabiert waren, die Hoffnung, den Einfluss der Vereinigten Staaten und Japans in Ostasien zu schmälern, und der Wunsch nach einem Anschluss Taiwans sind weitere zentrale Faktoren, die zu dieser geschichtspolitischen Neuorientierung führten. Die Idee, China als ein Opfervolk des japanischen Imperialismus zu stilisieren, entstand somit zur gleichen Zeit, zu der auch die Volksrepublik als ernst zu nehmende Grossmacht auf die Weltbühne zurückkehren sollte.

Blickt man von Europa auf den Zweiten Weltkrieg in Asien, so fallen die unversöhnlichen Positionen Japans und Chinas ins Auge, die mit dieser gelenkten Erinnerung an den Krieg einhergehen. Bekannt sind uns die divergierenden Geschichtsbilder aus der Berichterstattung über den Schulbuchstreit und die jährlichen Besuche des früheren japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi im Yasukuni-Schrein, die 2005 in Schanghai und anderenorts zu staatlich geduldeten Massenprotesten führten. Obschon sich die Wogen zwischen Tokio und Peking mittlerweile etwas geglättet haben mögen, dient die Erinnerung an die japanische Besatzung bis heute nicht allein dem Gedenken der Opfer. Denn eine zu politisch instrumentalisiertem Selbstmitleid banalisierte Erinnerung hemmt auch in China eine angemessene Aufarbeitung des Krieges.

Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung

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